Birgit Lohmeyer und das Nazi-Dorf
Shownotes
Inmitten von Neonazis: So wohnen Birgit und Horst Lohmeyer seit zwei Jahrzehnten. Kurz nachdem sie mit ihrem Mann in das winzige Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern gezogen war, wurden die Nachbarhäuser von rechtsextremen Familien gekauft. Eine abgeschottete Nachbarschaft, getrennt durch Mauern, Zäune, Feindseligkeit.
2015 erlebte das Paar einen Brandanschlag auf ihre Scheune, der ihnen immer noch nachhängt. Obwohl die Lohmeyers immer wieder Ziel von Angriffen werden, bleiben sie standhaft. „Dieses Dorf ist verloren, auch die Bewohner sind verloren. Alle, außer uns“, spürt Birgit Lohmeyer. „Aber wir möchten uns hier nicht vertreiben lassen“, stellt sie klar. Kontakt zur Öffentlichkeit suchen sie gezielt – zum eigenen Schutz und um Widerstand zu leisten.
Einmal im Jahr organisieren die Lohmeyers das inzwischen international bekannte Festival „Jamel rockt den Förster“. Bands wie die Toten Hosen, Madsen, Heaven Shall Burn und viele andere traten schon auf der Wiese hinter dem Haus auf. Das Gelände um das alte Forsthaus der Lohmeyers ist dann gefüllt mit Dutzenden Menschen – ikonische Bilder einer demokratischen, offenen Zivilgesellschaft. Danach aber kehrt wieder der Alltag ein in Jamel.
Was es bedeutet, in diesem Alltag zu bestehen und nicht nur „dagegen“ zu sein, sondern „für“ etwas sein, für Ideale zu leben, davon erzählt Birgit Lohmeyer Host Stephan Anpalagan.
TRANSPARENZ
Birgit Lohmeyer schickt Grüße und Dank raus an die Orga-Crew und alle Unterstützenden des Festivals „Jamel rockt den Förster“.
In der Schnellfragerunde erwähnt Birgit Lohmeyer eine Solidaritätskundgebung für sie und ihren Mann Horst, nachdem beide in der Silvesternacht von Neonazis mit Raketen angegriffen wurden.
Außerdem empfiehlt sie die ARD-Doku „Jamel - Lauter Widerstand“ und erwähnt ihren Roman, an dem sie aktuell schreibt und der auch die Geschichte ihres Lebens in Jamel zum Thema hat.
Die Folge mit Birgit Lohmeyer wurde am 21. Februar 2025 aufgezeichnet.
URHEBERRECHT
Im Intro des Podcasts zitieren wir:
Enissa Amani, aus: „Rebels. Ich rebelliere also bin ich“; Folge 2: „Die Macht der Comedy“ vom 13. Dezember 2022, ARD Kultur, Timecode: 00:11:26
Anja Reschke, aus: „Panorama“, Beitrag „Mein Nachbar ist Nazi“ vom 1. Juli 2022, NDR, Timecode: 00:00:05
Disarstar, aus: „Rebels. Ich rebelliere also bin ich“; Folge 1: „Die Macht der Musik“ vom 13. Dezember 2022, ARD Kultur, Timecode: 00:01:45
DANKSAGUNG
Redaktion: Jasper von Römer; Hosts: Ninia La Grande, Stephan Anpalagan; Produktion: Benjamin Jenak; Artwork: Karla Schröder; Sprecherin: Leni Leßmann
FINANZIERUNG
Veto wird anteilig gefördert vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.
Transkript anzeigen
00:00:00: Es hätte keine Veränderung dieser Welt gegeben,
00:00:03: wenn nicht irgendjemand gesagt hätte, ach, das müssen wir ändern.
00:00:06: Manchmal muss man klare Kante zeigen.
00:00:08: Das fordert die Gesellschaft ja auch.
00:00:10: Klare Kante gegen rechts heißt es auch zum Beispiel immer.
00:00:13: Die Welt brennt an einen Ecken und Enden.
00:00:16: Haben wir extreme, massive Probleme, vor denen sich keiner verschließen kann.
00:00:20: Die Welt ist in Aufruhr.
00:00:21: Doch Aktivistinnen geben Hoffnung.
00:00:24: Du hörst ganz schön laut.
00:00:25: Den Veto-Podcast mit Ninia Lagrande und Steven an Palagran.
00:00:29: Wir stellen Menschen vor, die für Veränderung etwas riskieren.
00:00:33: Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge von "Ganz schön laut".
00:00:41: Dem Podcast des Veto-Magazins.
00:00:44: Alle zwei Wochen sprechen wir hier mit Menschen,
00:00:46: die sich aktivistisch engagieren, mit Menschen, die ihre Stimme erheben,
00:00:50: um in dieser Gesellschaft etwas zum Besseren zu wenden.
00:00:53: Heute habe ich jemanden zu Gast, die bekannt ist für ihr Engagement,
00:00:57: weil sie in ein Dorf gezogen ist, in dem bis zu 90 Prozent Neonazis wohnen.
00:01:02: Seit über 20 Jahren trotzt sie gemeinsam mit ihrem Mann
00:01:05: den rechtsextremen Nachbarinnen und Nachbarn
00:01:08: und organisiert einmal im Jahr das Musikfestival "Yamel Rockt den Förster".
00:01:13: Sie wurde mit zahlreichen Preisen für ihr gesellschaftliches Engagement
00:01:17: ausgezeichnet und denkt nicht daran, ihr Dorf, Yamel, den Rechten zu überlassen.
00:01:21: Warum das so ist, erzählt sie mir gleich.
00:01:24: Hier ist Birgit Lohmeyer. Herzlich willkommen. Schön, dass du da bist.
00:01:29: Moin.
00:01:30: Du bist durch dein Widerstand an deinem Wohnort
00:01:36: in allen großen Medien der Bundesrepublik bekannt geworden.
00:01:40: Aber du hattest ja auch ein Leben davor.
00:01:42: Du bist 1958 in Hamburg geboren und hast dich früh sozial engagiert.
00:01:47: Ende der 70er-Jahre hast du begonnen,
00:01:49: insaßen der Hamburger Justizvollzugsanstalten zu besuchen.
00:01:53: Später hast du Erziehungswissenschaften und Kriminologie
00:01:55: im Nebenstudium studiert.
00:01:57: Nach dem Studium folgte ein Jahrzehnt in der Suchtprävention
00:02:00: und danach die Arbeit als Schriftstellerin
00:02:02: an Erzählungen, Kurzgeschichten und Kriminalromanen.
00:02:06: Im Jahr 2004 hast du dann zusammen mit deinem Mann Horst Lohmeyer
00:02:10: einen denkmalgeschützten Forsthof im 40-Seelen-Dorf "Yamel"
00:02:14: in Mecklenburg-Vorpommern gekauft und bezogen.
00:02:16: Die Stimmung im Dorf hat sich in den darauffolgenden Tagen schnell verändert.
00:02:20: Die erste Familie mit rechtsextremer Gesinnung lockte bald die nächste an.
00:02:24: Seit vielen Jahren gehören etwa 90 bis 95 Prozent der Dorfbewohner
00:02:27: und Dorfbewohnerinnen der Neonazis-Szene an.
00:02:31: Damit bereits die erste Frage.
00:02:33: Wie hast du diese Zeit erlebt
00:02:36: und hast du das in irgendeiner Form kommen sehen,
00:02:38: dass diese Situation, wie sie heute ist, einmal eintreffen würde?
00:02:43: Also diese Veränderungen, die sich im Lockt der 20 Jahren ergeben haben,
00:02:49: sind sozusagen stückweise in Stufen passiert.
00:02:52: Am Anfang waren es ...
00:02:54: Manche Leute glaubten, es wäre ein Nachbarschaftsstreit.
00:02:57: Es waren einfach Leute hierhergezogen, die meinten,
00:03:00: dass das Dorf innen gehört
00:03:02: und dass die Lohmeyers hier doch möglichst bald wegziehen sollten.
00:03:05: Das heißt also kleine Mobbing-Aktionen,
00:03:09: Sachbeschiligung, Beleidigung usw.
00:03:12: Das kombinierte 2015 in dem Brandanschlag an unserer großen Scheune,
00:03:16: die komplett abbrannte.
00:03:18: Wir in der Nacht tatsächlich auch in der Gefahr standen,
00:03:21: obdach Nuss zu werden,
00:03:22: weil die Scheune stand sehr nah bei unserem Wohnhaus.
00:03:26: Das war schon mal eine neue Eskalationsstufe für uns.
00:03:29: Und die Rechtsextremen hören ja nicht auf.
00:03:33: Das merken wir in ganz Deutschland.
00:03:35: Sie bekommen Rückenwind, auch parteipolitisch.
00:03:38: Und sie haben jegliche Scheu verloren anscheinend,
00:03:42: sich auch ganz aggressiv politisch an das Denken den Menschen.
00:03:46: Wie wir beide, wie Horst und ich, sind entgegenzustellen.
00:03:50: Und das ist so die Veränderung,
00:03:53: die die Zeit der scharmenhaften, eventuellen kleinen Anschläge ist vorbei.
00:03:58: Wir werden jetzt massiv bedroht.
00:04:00: Es gibt ein Droh-Video, über uns aktuell im Internet zu sehen.
00:04:04: Ja, so ist es sozusagen eskaliert im Laufe der 20 Jahre.
00:04:09: So habe ich das erlebt, das Leben hier in diesem Dorf.
00:04:12: Und merke auch, oder wir merken, dass wir in der direkten Umgebung
00:04:18: in unserer Gesamtgemeinde überhaupt keinen Rückhalt haben
00:04:21: mit unserer Arbeit für die demokratische Gesellschaft.
00:04:25: Hm. Warum Jamel?
00:04:27: Es könnte auch einfach sein, dass in Deutschland weit gibt es 20 %
00:04:32: Zustimmung für die AfD in einigen ostdeutschen Bundesländern
00:04:36: eher zwischen 30 und 35 %,
00:04:39: dass ein Ort derart mit rechtsextremer Nachbarschaft
00:04:45: ausgestattet ist oder die Neonazi-Strukturen sich derart festigen
00:04:52: in einem einzelnen Dorf.
00:04:54: Das ist ja enorm ungewöhnlich.
00:04:57: Das ist so deine ... - Das ist nicht überhaupt nicht.
00:05:00: Da muss ich korrigieren.
00:05:01: Es gibt in ganz Deutschland völkische Siedlungsprojekte,
00:05:04: wie Jamel eines ist.
00:05:06: Und das ist eine Tendenz oder Strategie der rechtsextremen Szene
00:05:09: seit mindestens 20 Jahren.
00:05:11: Das heißt, jedes Bundesland ist betroffen, nicht nur die Ostdeutschen.
00:05:15: Es gibt gerade auch in Niedersachsen zum Beispiel
00:05:17: ganz massive Ansiedlungen, völkische Siedler.
00:05:20: Also insofern ist das nicht wirklich ungewöhnlich.
00:05:23: Was jetzt dazu kommt, ist natürlich,
00:05:25: dass auch in den Parlamenten rechtsextreme sitzen
00:05:27: und massiv die Parlamenten eingezogen sind.
00:05:30: Und das bedingt sich natürlich oder beeinflusst sich gegenseitig,
00:05:33: dass die Menschen hier in der Region plötzlich merken,
00:05:36: oh, das sind ja nicht nur die 20, 30 Nazis in Jamel,
00:05:40: die irgendwie versuchen,
00:05:42: irgendwie Deutschungshoheit über das, was in unserer Gemeinde passiert,
00:05:46: sondern es sind eben auch Menschen,
00:05:48: die sich parlamentarisch zur Wahl stellen und gewählt werden.
00:05:51: Und insofern hat sich das ganze Klima in Deutschland
00:05:56: meiner Einschätzung nach extrem gedreht.
00:05:59: Man wird doch wohl noch mal sagen dürfen,
00:06:02: ist jetzt sozusagen gewachsen,
00:06:05: dass man wird ja doch mal zuschlagen dürfen im Zweifel.
00:06:08: Hm. Hast du das Gefühl, dass es schlimmer geworden ist
00:06:12: im Verhältnis zu den 90er-Jahren?
00:06:14: Jetzt kommt ja quasi Schritt für Schritt und Stückchenweise heraus,
00:06:18: gerade in den ostdeutschen Bundesländern,
00:06:20: das muss man an dieser Stelle einmal so hart sagen,
00:06:23: auch dass dort diese Baseballschlägerjahre nie aufgearbeitet,
00:06:26: nicht geahndet wurden,
00:06:27: die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, Wohnhäuser,
00:06:31: migrantischer und ausländischer Familien,
00:06:33: das ist mir jetzt auch noch sehr in Erinnerung,
00:06:35: in so Link beispielsweise.
00:06:37: Hm. Ich würde zumindest die Frage in den Raum stellen,
00:06:41: ist es denn gleich geblieben und hat sich verändert
00:06:44: oder ist es tatsächlich schlimmer geworden
00:06:46: mit der Rechtsextremengefahr?
00:06:48: Es ist eindeutig schlimmer geworden
00:06:50: mit der Partei mit dem großen Ahr vorneweg.
00:06:53: Haben wir jetzt Menschen, die ganz massiv
00:06:56: und zwar wirklich auch von ihrer intellektuellen Spitze her
00:07:00: gesteuert versuchen, Meinungsbildung zu betreiben
00:07:04: mit Hilfe von Desinformation, Veräknuss usw.
00:07:07: Es wird schlimmer, es wird ja nicht nur ein deutscher Stimme,
00:07:10: wir erleben es gerade in der USA genauso,
00:07:13: dass dieses manipulative Element,
00:07:17: was der Rechtsextremengefahr durchaus hart und spielt
00:07:20: und sehr geschickt spielt,
00:07:22: sehr, sehr viele Menschen mindestens verwirrt hat,
00:07:26: wer nicht sogar überzeugt hat,
00:07:27: dass es vielleicht ganz klasse wäre,
00:07:29: in der dritten Diktatur auf deutschen Bogen zu leben.
00:07:32: Hm. Hast du in Hamburg
00:07:36: auch Rechtsextremen Strukturen erlebt
00:07:42: oder so diesen klassischen, chauvinistisch, rassistisch-faschistischen Zug,
00:07:46: den du heute in Jamel, also dem du ja quasi nicht aus dem Weg gehen kannst,
00:07:50: aber hast du so etwas Ähnliches in deiner Heimat,
00:07:53: in Hamburg damals erlebt?
00:07:54: Ähm, tatsächlich nicht.
00:07:57: Wir waren damals auch mal keine Experten für das Thema Rechtsextremismus
00:08:00: und hatten maximal dann mit Menschen aus der rechten Szene zu tun,
00:08:04: wenn es wieder ein Spiel, wie "San Pauli HSV" gab.
00:08:07: Wir lebten ja damals auf "San Pauli"
00:08:09: und dann die ...
00:08:10: die tanten Fußballfans bei uns ins Viertel einfielen
00:08:14: und sich Straßenschlachten mit den "San Pauli"-Fans lief.
00:08:17: Das war so das Einzige, was es gab.
00:08:19: Aber das war so eine Randerscheinung, die uns nicht bewegt hat.
00:08:24: Hm.
00:08:25: Was waren so die entscheidenden Faktoren am Anfang,
00:08:30: dass ihr euch gesagt habt, wir bleiben jetzt?
00:08:34: Also, das ist ja keine Selbstverständlichkeit,
00:08:36: gerade wenn man so bedroht wird, wenn man feststellt,
00:08:38: die Nachbarn, die Nachbarinnen, das sind politische Extremisten,
00:08:42: die schrecken auch vor Gewalt, möglicherweise nicht zurück.
00:08:45: Da wäre sicherlich der eine oder die andere ...
00:08:47: also in den Punkt gekommen, dass man sagt, ich kann hier nicht mehr leben.
00:08:51: Ihr seid irgendwie geblieben.
00:08:53: Also, was war so der Beweggrund, dass ihr nicht gegangen seid?
00:08:57: Den gibt es gar nicht.
00:09:00: Es gibt eine Entwicklung, die uns ereilt hat hier
00:09:03: mit dem Zuzug dieser Nazi-Familien.
00:09:05: Es gibt unsere Reaktion darauf.
00:09:08: Wir möchten uns hier nicht vertreiben lassen.
00:09:10: Wir haben mit dem alten Forsthof eine Immobilie gefunden,
00:09:13: in der wir uns nicht nur vorstellen können,
00:09:16: sondern auch das Vorhaben, unseren Lebensabend zu begehen,
00:09:19: weil das einfach super schön ist hier.
00:09:22: Und es ist natürlich auch mittlerweile dieses,
00:09:25: wir haben uns mit unserem zivilgesellschaftlichen Engagement
00:09:28: auch in eine Rolle manivriert, sage ich jetzt.
00:09:33: Als Vorbilder, als preisgekrönte und ausgezeichnete Menschen,
00:09:39: die aktiv für unsere demokratische offene Gesellschaft einstehen,
00:09:44: das schmeißt man nicht irgendwann weg.
00:09:47: Und sagt sich, na ja, jetzt ziehen wir uns lieber ins Private zurück.
00:09:50: Das ist alles zu viel.
00:09:52: Es ist letztendlich multifaktoriell,
00:09:55: der Beweggrund hier zu bleiben.
00:09:57: Und noch dazu kommt natürlich die monetäre Frage.
00:10:01: Das ist ja Eigentum, in dem wir leben.
00:10:04: Das könnten wir nie verkaufen, außer an Rechtsextreme,
00:10:07: was wir auf keinen Fall tun werden.
00:10:09: Insofern hält uns auch tatsächlich die Immobilie hier.
00:10:12: Gibt es Dinge oder was sind die Dinge in den letzten 20 Jahren,
00:10:17: in Jamel, wo du gerne zurückblickst, wo du sagst,
00:10:22: das war ein sehr schöner Moment,
00:10:24: der auch tatsächlich mit Jamel selber zu tun hat.
00:10:27: Gibt es das? Und wenn ja, was wäre das?
00:10:29: Ich würde das eingrenzen dann nicht auf Jamel,
00:10:32: sondern auf das Jamel der Forsthaus und den Forsthof.
00:10:35: Also hier erleben wir im Grunde täglich wöchentlich schöne Momente,
00:10:39: weil es ein wirklich sehr, sehr tolles Geländeln ist.
00:10:42: Wir haben sehr viel Land um uns herum.
00:10:45: Für unsere Verhaltenisse als Großstädter,
00:10:47: die aus kleinen Wohnungen hier hergezogen sind, ist das riesig.
00:10:51: Manchmal denken wir, Mensch, haben wir das verdient.
00:10:53: So viel Raum unten ist herum.
00:10:55: Wir leben direkt am Waldrand, wir haben Tiere hier auf dem Hof.
00:10:59: Das sind die Momente, die wir genießen,
00:11:01: die uns auch so viel Kraft geben,
00:11:03: das, was Jensatz des Gartenzauns passiert
00:11:06: und zu beobachten, es auszuhalten.
00:11:08: Hm. Wie sieht der Alltag bei euch aus?
00:11:12: Also wie stellt man sich das vor?
00:11:14: Man denkt ja immer, krass, da leben Nazis.
00:11:17: Der ganze kleine Ort ist voll mit Nazis.
00:11:20: Wie sieht ein klassischer Montag aus, ein Dienstag aus?
00:11:25: Was macht ihr? Ihr müsst ihr einkaufen gehen.
00:11:28: Ihr fahrt durch die Gegend und kommt noch vorbei.
00:11:31: Wie stellt man sich das vor?
00:11:32: Es ist relativ bizarr hier bei uns im Dorf.
00:11:35: Wir gehen nämlich zu Fuß nicht über die Dorfstraße.
00:11:39: Jamel ist ja ein Sackgassen-Dorf.
00:11:41: Es gibt nur eine Straße, die um eine Wiese herumführt.
00:11:45: An dieser Straße liegen sämtliche Häuser.
00:11:47: Sind auch, glaub ich, nur elf insgesamt.
00:11:50: Es ist ganz winzig.
00:11:51: Da es hier keine Einkaufsmöglichkeiten im Dorf gibt,
00:11:55: geschweige dann eine Poststelle oder eine Kneipe,
00:11:58: in die man vielleicht gehen wollte,
00:12:00: fährt natürlich jeder mit dem Auto aus dem Dorfhaus
00:12:04: und kommt im Auto wieder.
00:12:06: So dass man sich maximal so begegnet,
00:12:09: dass man sich im Auto an jemandem vorbeifahrend.
00:12:12: Das ist schon sehr ungewöhnlich hier.
00:12:14: Wir haben Nullkontakt auch zu den beiden Familien- bzw. Paaren,
00:12:19: die von sich selber behaupten,
00:12:21: sie wären keine Rechtsextremen, die hier leben.
00:12:24: Die meiden uns mit Glauben auch,
00:12:26: die beschimpfen uns,
00:12:27: beschuldigen uns, unsere Schreunde selber angezündet zu haben.
00:12:31: Da hat sich sozusagen der Einfluss,
00:12:33: der durchaus gewaltbereiten Manipulationen von rechts
00:12:37: auf dieser Menschen, die eigentlich ...
00:12:40: Erst mal von sich behaupten,
00:12:42: sie sind neutral so ausgewirkt,
00:12:44: dass wir hier komplett isoliert in dem Dorf leben.
00:12:47: Hm.
00:12:48: Gibt es irgendeinen Tipp oder irgendeinen Ratschlag,
00:12:52: den du anderen Menschen geben würdest,
00:12:54: die irgendwann hinziehen und feststellen,
00:12:57: jetzt kommen die völkischen Siedler oder Neonazis
00:13:00: oder Rechtsextremen, ob sie aus Deutschland und Westdeutschland ist.
00:13:04: Gibt es was, wo du im Nachhinein sagen würdest,
00:13:07: ein Ratschlag, den man dann als demokratisch gesinnte
00:13:11: Weltoffene-Familie bedenken sollte?
00:13:13: Ja, klar.
00:13:14: Ich glaube, wir haben einiges richtig und einiges falsch gemacht.
00:13:18: Ich kann den beides mal skizzieren.
00:13:20: Wir haben von Anfang an, nachdem wir bemerkten,
00:13:22: das muss so um 2006 gewesen sein,
00:13:25: wir sind hier in der Minderheit als Demokratinnen,
00:13:28: haben wir sehr schnell die Öffentlichkeit gesucht.
00:13:31: Wir haben also Kontakte aufgenommen mit der Landespolitik
00:13:35: und haben mit der zusammen, mit einer Abordnung des Innenausschusses
00:13:38: aus Schwerin geplant.
00:13:40: Was können wir hier, wir beiden Privatleute tun,
00:13:44: damit dieses Dorf nicht noch weiter zu Anano-Go-Area wird?
00:13:48: Und daraus ist denn die Idee entstanden,
00:13:51: bei uns auf dem Hof öffentliche Veranstaltung,
00:13:54: Kulturveranstaltung anzubiegender,
00:13:56: wer Haus und ich ja beide kulturschaffende sind, lag das nahe.
00:13:59: Wir haben den Gartenausstellungen gemacht, Kunstausstellungen.
00:14:03: Das erste kleine Festival in 2007 gestartet.
00:14:07: Und das war dann schon immer auch mit Pressearbeit,
00:14:11: natürlich mit Öffentlichkeitsarbeit gekoppelt.
00:14:13: Und das ist, glaube ich, ganz wichtig.
00:14:15: Und das empfinden wir nach wie vor als Schutz,
00:14:18: dass wir in der Öffentlichkeit stattfinden mit diesem Dorf.
00:14:21: Dass wir also nicht denken, oh, es ist so schlimm hier,
00:14:24: wir ziehen uns zurück, wir machen die Haustür hinter uns zu
00:14:28: und versuchen in der Deckung zu bleiben.
00:14:30: Im Gegenteil, wir gehen immer raus.
00:14:32: Hier zeigen wir mittlerweile polizeilich an.
00:14:34: Es gibt natürlich Medienberichterstattungen
00:14:37: vielfach über uns und das Dorf und was unsere Rechtsextremen
00:14:40: nachbarn tun.
00:14:41: Und das empfinden wir als Schutz.
00:14:43: Und das würden wir auch jedem empfehlen,
00:14:45: da in ähnliche Situationen gerät.
00:14:47: Was wir versäumt haben, dass jetzt die Negativseite ist,
00:14:51: von Anfang an die hiesigen kommunalpolitischen Kräfte einzubeziehen.
00:14:56: Und die sind ja mittlerweile eher auf dem Kurs,
00:14:59: die denken, die Lomaes und ihr Festival nerven nicht nur,
00:15:02: sondern die sind auch für diese Gemeinde schädlich.
00:15:05: Und ich glaube, das ist ganz wichtig zu sagen,
00:15:08: Leute bildet Netzwerke, versucht wirklich mit allen Beteiligten,
00:15:12: mit Gewerkschaften, mit Kirchen, aber eben auch mit Kommunalpolitikern
00:15:16: von frühzeitig Kontakt aufzunehmen, um Unterstützung zu bitten,
00:15:19: vielleicht sogar ein Bündnis zu gründen gegen rechts.
00:15:23: Also solche Dinge würden wir auf jeden Fall empfehlen,
00:15:26: nicht so wie wir vielfach als Einzelkämpfer unterwegs zu sein.
00:15:30: Wie kann man denn als Kommunalpolitiker
00:15:33: oder als demokratisch-bürgerliche Institution auf die Idee kommen,
00:15:37: dass euer Engagement schädlich ist?
00:15:40: Was sind die Gründe, die man da anführt, um anzuzeigen,
00:15:45: ja, das, was ihr macht, das ist eigentlich nicht so gut für die Jamel
00:15:48: oder für den Landkreis, für die Region.
00:15:51: Ich glaube auch, das ist multifaturiell.
00:15:55: Da gibt es natürlich persönliche Animositäten
00:15:59: zu einzelnen Kommunalpolitikerinnen, die meinen,
00:16:02: wenn jemand was gegen rechts tut, dann bin ich das hier.
00:16:05: Und dann kommen so zwei hergelaufene Westdeutsche und wollen uns
00:16:07: ausdeutschen erzählen, wie das zu gehen hat.
00:16:11: Dann ist es so was wie der Sozialneid.
00:16:15: Wir sind ja mittlerweile vielfach preisgekrönt ausgezeichnet worden,
00:16:18: finden in den Medien permanent statt.
00:16:21: Da erleben wir auch, dass viele Menschen das überhaupt nicht gutieren,
00:16:24: sondern sagen, die wollen doch nur in die Presse.
00:16:26: Guckt mal da, steht schon wieder vor der Kamera.
00:16:29: Das wird nicht gutiert hier.
00:16:31: Wir leben ja sehr ländlich hier.
00:16:33: Das heißt also, wir haben auch, ich sage mal von dem Durchschnitt
00:16:37: des Bildungsstandards, eher weniger Menschen mit einem weiten Horizont.
00:16:44: Das ist hier schon sehr eng.
00:16:47: Man war immer hier, man ist schon seit vier Legislaturen,
00:16:51: man hat einen Gemeinderat, hat seinen Sitz,
00:16:54: und das wird auch die nächsten vier Legislaturen so bleiben.
00:16:57: Also sehr traditionell, sehr konservativ,
00:17:01: sehr misstrauisch, allen Neuen gegenüber.
00:17:04: Und letztendlich ist es so, dass unser Festival einmal im Jahr
00:17:08: den Blick der Republik auf dieses Dorf und auf diese Gesamtgemeinde
00:17:11: richtet nach dem Motto, die haben da ein Problem.
00:17:13: Die haben nämlich ein Nazi-Dorf.
00:17:15: Und sich damit zu konfrontieren.
00:17:17: Und eventuell sogar gefragt werden, was tut ihr eigentlich dagegen
00:17:20: als Lokalpolitiker, ist vielleicht auch nicht so angenehm.
00:17:23: Also ich glaube, das sind so die Deutungen, die wir haben,
00:17:25: woran es liegen kann, dass wir wenig bis gar keine Unterstützung
00:17:28: hier bekommen.
00:17:29: Also da kann ich tatsächlich sagen aus meiner Erfahrung heraus,
00:17:33: das ist nicht jammelspezifisch.
00:17:35: Das ist tatsächlich überall so.
00:17:37: Also kaum jemand hat Lust, sich mit dem Thema Rechtsextremismus
00:17:40: oder insbesondere Rechtsextremismus in der Polizei
00:17:43: oder in der eigenen Uni oder in den eigenen Behörden
00:17:46: auseinanderzusetzen.
00:17:47: Dein erstes Wort in diesem Podcast war Moin.
00:17:54: Bist du Hans-Eatin oder bist du Mecklenburg-Vorpommerin
00:18:02: oder bist du Ostdeutsche oder bist du Westdeutsche?
00:18:04: Ist das ein Thema?
00:18:05: Ich bin Weltenbürgerin, ganz eindeutig.
00:18:07: Also ich habe natürlich meine Wurzeln in Hamburg.
00:18:10: Das ist eine Stadt, in der ich sehr lange und sehr gerne gelebt habe
00:18:13: und die ich auch nach wie vor immer gerne besuche.
00:18:16: Trotz allem fühle ich mich überhaupt nicht mit so Heimatfesseln
00:18:21: behaftet, dass ich sagen kann, ich bin Hans-Eatin oder ich bin sonst so was.
00:18:26: Das ist mir ziemlich wurscht.
00:18:28: Also wenn ich mich irgendwo wohlfühle, dann lasse ich mich da nieder
00:18:31: und bin da gerne.
00:18:32: Und ob mich andere nun als Einheimische als Fremdkörper bezeichnen,
00:18:36: das ist mir relativ Jacke, muss ich sagen.
00:18:38: Die Sache mit diesem Podcast ist die.
00:18:42: Wir sprechen über alle möglichen Themen.
00:18:45: Auch sehr schweren und schwerwiegend Themen.
00:18:47: Aber das ist nicht alles, was hier passiert, sondern wir spielen auch.
00:18:53: Ich habe dich so ein bisschen vorgewandt am Anfang.
00:18:55: Eines der Spiele, die wir machen, heißt "Alles auf Zeit".
00:18:59: Wir haben dann eine Minute.
00:19:00: Ich stelle dir ganz viele Fragen, die gar nichts mit unserem Thema
00:19:03: jetzt zu tun haben.
00:19:05: Und du kannst ja mit einer Schnelligkeit oder mit dem Antworten,
00:19:10: was dir als erstes in den Sinn kommt.
00:19:12: Und das gibt uns allen die Möglichkeit, dich noch ein bisschen
00:19:15: besser kennenzulernen.
00:19:16: Okay.
00:19:18: Ganz schön knapp.
00:19:24: "Alles auf Zeit".
00:19:25: Dieses Buch liegt auf deinem Nachtisch.
00:19:28: Ich habe gar keinen Nachtisch.
00:19:32: Ich will aber tatsächlich überall und meistens zeitgenössische Literatur.
00:19:39: Okay.
00:19:40: Was hast du zuletzt schönes Geschenk bekommen?
00:19:43: Auf der Kundgebung in Grevismühlen vor ein paar Wochen,
00:19:48: die extra als Solidaritätsgeste an mich und Horst gedacht und geplant
00:19:54: und durchgeführt wurde, haben wir einen wunderschönen Blumenstrauß
00:19:58: und sogar einen Präsentkorb noch dazu bekommen.
00:20:01: Sehr schön.
00:20:02: Das war sehr, sehr rührend, weil wir das überhaupt nicht erwartet hatten.
00:20:05: Denn die Kundgebung an sich war ja schon ein Geschenk an uns.
00:20:08: Das ist sehr schön tatsächlich.
00:20:10: Welche Überschrift möchtest du gerne über dich lesen?
00:20:12: "Demokratieaktivistin wird Bestsellerautorin".
00:20:19: Oh.
00:20:20: Was gibt dir Hoffnung?
00:20:22: Schwierige Frage.
00:20:28: Ich weiß gar nicht, ob das Konzept der Hoffnung eines ist,
00:20:31: was mich so bewegt.
00:20:33: Eigentlich eher gar nicht.
00:20:34: Ich bin relativ realistisch und auf alles vorbereitet.
00:20:40: Wenn du eine Zeitreise unternehmen würdest,
00:20:42: wohin würdest du reisen?
00:20:44: Ich möchte keine Zeitreise unternehmen.
00:20:48: Wieder nach vorne und noch nach hinten.
00:20:50: Wir kommen jetzt zum zweiten Teil unseres Gesprächs.
00:20:55: Du hast ja schon ausgeführt,
00:20:58: es ist nicht einfach nur so, dass ihr irgendwo hingezogen seid
00:21:02: und dann hat sich die Umgebung verändert,
00:21:04: eure Heimat hat sich verändert, das Dorf, in dem ihr lebt, hat sich verändert,
00:21:08: sondern dadurch, dass Neonazis, das Rechtsextreme,
00:21:13: dass Menschen mit dieser politischen Einstellung
00:21:17: in eure Umgebung bezogen sind, begannen Angriffe.
00:21:21: Ihr habt in all den Jahren immer wieder solche Angriffe erdulden müssen.
00:21:24: Es kam zu Drogen, Beleidigungen, Diebstahl und Sachbeschädigung
00:21:28: besonders herausstechend.
00:21:30: Und das hast du gerade erzählt,
00:21:32: ist der Brandanschlag im Sommer 2015 mutmaßlich durchgeführt,
00:21:37: durch benachbarte Nazis eine Scheun auf eurem Hofstand nachts in Flammen.
00:21:42: Was ist das, was dir währenddessen oder auch im Nachgang
00:21:50: am prägendsten in Erinnerung geblieben ist?
00:21:52: Der Traum in der Brandnacht selber konnten wir überhaupt nicht schlafen.
00:21:59: Da sind wir gar nicht ins Bett gegangen, haben wir alles andere getan
00:22:02: und gedacht und gefühlt, als wir sind müde und gehen ins Bett.
00:22:06: Aber in der darauffolgenden Nacht hatte ich einen Traum,
00:22:09: der mich wirklich sehr verfolgt hat.
00:22:12: Der hat gar nicht viel Handlung.
00:22:15: So weit ich mich in Sinne einfach nur daum,
00:22:17: dass ein schwarz gekleideter Mensch,
00:22:19: ein Mann, der von meinem Empfinden her Nazi war,
00:22:25: mich immer rodend wollte.
00:22:28: Und das ist im Grunde so bildlich das,
00:22:31: was eigentlich wahrscheinlich auch geplant war.
00:22:33: Unser Haus so nah an der Scheunenstand, das ist wahrscheinlich,
00:22:37: wenn wir nicht das frühzeitig gemerkt hätten,
00:22:40: und die Feuerwehr gerufen hätten,
00:22:41: auch dazu gekommen wäre, dass unser Haus abgebrannt werden.
00:22:43: Und ich schlief schon, als der Brand ausbrach.
00:22:46: Man kann sich vorstellen, was hätte passieren können.
00:22:48: Also im Prinzip ist es ein Brandanschlag und ein Mordanschlag.
00:22:53: Das kann man wahrscheinlich so sagen.
00:22:56: Die Staatsanwaltschafts-Siedel, das glaube ich nicht so,
00:22:58: die spricht noch von schwerer Brandstiftung.
00:23:00: 2015 ist ziemlich genau zehn Jahre her.
00:23:05: Das heißt, dieses Jahr droht dieser Fall
00:23:10: und wird drohtes Jahr zu verjähren,
00:23:12: wenn ich es hier richtig auf dem Schirm hab.
00:23:14: Wie blickst du auf das Verfahren?
00:23:18: Also es ist ja passiert, es ist eine Tat passiert.
00:23:22: Und dann haben ja Polizei,
00:23:25: Ermittlungsbehörden, Sicherheitsbehörden angefangen, zu ermitteln.
00:23:28: Wie blickst du auf dieses Ermittlungsverfahren
00:23:31: und den Umgang der Polizei in dieser Sache?
00:23:34: Ohne Spezialistin zu sein für polizeiliche Ermittlungen fand,
00:23:43: ich habe sie relativ viel richtig gemacht.
00:23:46: Sie haben eine Sonderkommission gebildet,
00:23:49: die wirklich umfangreich ermittelt hat.
00:23:54: Allerdings, wir kennen ja auch die Ermittlungsakten
00:23:57: und haben sie mittlerweile über unseren Anwalt besorgen lassen.
00:24:00: Sie haben sich sehr schnell fokussiert
00:24:02: auf dieses übliche Motiv eines Feuerwehrmenschen,
00:24:06: der pyromanische Anwandlung hat.
00:24:10: Sie haben wahnsinnig aufwendige Ermittlungen
00:24:12: und Verhöre im Feuerwehrmilieu geführt.
00:24:16: Wir konnten nicht sehen, ob sie unsere Nachbarn befragt haben
00:24:19: aus dieser Ermittlungsakte.
00:24:20: Das wurde nicht ganz klar.
00:24:21: Also das ist was, wo ich im Zweifel nachfragen würde.
00:24:25: Wenn es darum ging, wie beurteilen wir die Ermittlungsarbeit,
00:24:31: das soll man dazu sagen.
00:24:35: Aber wir haben in 2015, das war ja das Jahr der Brandstiftung.
00:24:39: Da sind ja ganz viele Unterkünfte für Geflüchtete
00:24:42: in Flammen aufgegangen oder geplante Unterkünfte für Geflüchtete.
00:24:47: Wir haben einfach gemerkt, das geht schnell.
00:24:50: Derjenige hat ja eine Lunte gelegt mit wahrscheinlich Benzin
00:24:55: und hat sich dann sofort entfernt und war auch weg.
00:24:58: So schnell geht es einfach, Gebäude anzuzünden.
00:25:02: Da braucht es nicht viel, da braucht es ein bisschen Mut.
00:25:05: Da braucht es das geeignete Brennmaterial.
00:25:07: Dann hat man ganz schnell einen riesigen Schaden
00:25:10: oder sogar verletzte oder tote Menschen erzeugt.
00:25:15: Die Täter sind in den seltensten Fällen geschnappt worden,
00:25:19: nicht nur in unserem Fall.
00:25:22: Dieser Mechanismus, dieses Prinzip,
00:25:25: das man nicht so sehr auf politische Bedeutung hat.
00:25:29: Motive blickt, sondern auf andere Motive, die häufig unpolitisch sind. Auch das ist ja eher bekannt
00:25:34: tatsächlich in der Geschichte der Bundesrepublik. Wenn man jetzt mal beispielsweise an den NSU denkt,
00:25:39: wo lange alles Mögliche ermittelt wurde, nur eben nicht, dass im Nachhinein doch irgendwie naheliegende.
00:25:44: Aber es ging ja dann danach noch weiter. Es stand ja sehr lange unter Polizeischutz. War das im
00:25:53: Zuge des Brandanschlags oder gab es dann noch andere Dinge oder lief das parallel zueinander? Wie
00:25:59: lange war das? Wie hat das sich für dich und für euch auch angefühlt? Habt ihr es als Hilfe und
00:26:05: Schutz auch empfunden? Also es waren vier Wochen soweit ich mich entsinne, die wir sozusagen
00:26:12: verstärkt unter Polizeischutz standen. Darf man sich aber nicht so vorstellen, dass wir jetzt
00:26:16: Bodyguards gehabt hätten, die Schritt und Schritt mit uns machen. Ich habe das in der damaligen
00:26:22: Situation sehr angenehm empfunden, dass mehr Aufmerksamkeit auf uns und das Dorf gelenkt wird.
00:26:28: Wir haben mittlerweile in Jamel auch so einen polizeilichen Status, dass hier häufiger Streife
00:26:34: gefahren wird als in allen anderen kleinen Dörfern in der Umgegend. Das ist natürlich relativ
00:26:40: wirkungslos, muss man sagen. Also da darf man sich nicht in Sicherheit wiegen und denken,
00:26:44: jetzt passieren hier keine Straftaten mehr. Ich würde nicht sagen im Gegenteil, aber sie passieren
00:26:49: trotzdem noch. Insofern Polizeischutz ist, kann ich gar nicht mehr entsinnen, wie das damals war.
00:26:57: Aber es waren, glaube ich, häufiger mal, weil wir auch natürlich vernommen worden mehrfach.
00:27:01: Es waren Kripobeamte hier bei uns auf dem Hof und ja, also das ist, weiß ich nicht, habe ich jetzt
00:27:08: keine prägende Erinnerung mehr dran. Kurze Werbeunterbrechungen eigener Sache. Mit Veto geben wir
00:27:17: Aktivismus eine mediale Bühne. Wir erzählen von denen, die aufstehen und ihre Stimme erheben.
00:27:22: Was sie wollen, was sie antreibt, das lest ihr jede Woche neu auf Veto-Magazin.de
00:27:28: Wir haben ja, wir erleben ja eine Zeit und auch ein Jahr voller Siegeszüge für rechtsextreme
00:27:37: Kräfte in Deutschland, aber eben auch in anderen Ländern und das finde ich ja auch irgendwie
00:27:44: immer so spannend. Wir schauen häufig auf den Siegeszug der AfD, die rechtsextremen Netzwerke,
00:27:50: die stattfinden. Aber es ist ja doch auch feststellbar, dass beispielsweise in Italien, in den
00:27:55: Niederlanden, auch in Großbritannien, in Frankreich, in vielen ausdeuropäischen Ländern, in den USA
00:28:00: zu netzen, rechte rechtsextreme Kräfte auf den Vormarsch sind. Und die Frage, die sich einem
00:28:11: stellt, ist, macht sich das denn dann bei euch bemerkbar oder ist bei euch schon so schlimm,
00:28:17: dass man sagt, okay, das ist schon quasi am Anschlag. Also mehr rechtsextremismus geht
00:28:22: im Prinzip nicht. Oder hast du das Gefühl, die Lage verändert sich auch dadurch, dass europäisch
00:28:29: oder global der rechtsextremismus noch mehr zunimmt? Also gibt es da auch eine Veränderung,
00:28:33: die du bei euch in Jamel feststellen kannst? Also tatsächlich hier in diesem kleinen lokalen
00:28:40: Raum sehr ländlich geprägt ist es, glaube ich, guckt niemand darauf, was im Ausland, sei es außer
00:28:51: europäisch oder im europäischen Ausland, für eine politische, was für ein Regime herrscht. Ich
00:29:00: glaube nicht, dass sich hier was verändert hat. Wir hatten ja sogar schon die NPD im Landtag,
00:29:05: zum Glück in dieser und vorletzter Legislatur nicht mehr. Wir haben jetzt die AfD in allen
00:29:12: politischen Gremien, sei es hier im Landkreis, sei es in dem Landtag, haben wir diese rechtsextreme
00:29:18: Partei sitzen. Und das ist sozusagen das, was die Menschen hier spüren und merken und was
00:29:24: sie interessiert. Ich unterstelle jetzt mal ganz vielen Menschen, die hier sich eher solidarisieren
00:29:30: mit unseren Jamelner Nazis, dass die das überhaupt nicht interessiert, was in Ungarn, was in Italien
00:29:38: sei. USA kann man immer gut drauf schimpfen, jetzt vielleicht nicht mehr so ganz, weil da ist
00:29:43: ja jetzt jemand, der mal aufräumt. Der Gesinnungsgenosse ist gewissermaßen. Also ich glaube,
00:29:50: das hat nicht so große Auswirkungen. Also das sind so eher die Hauptstädter, Großstädter in
00:29:55: Deutschland, die sich ein bisschen drum kümmern. Was passiert eigentlich im Rest der Welt,
00:29:59: das erlebe ich hier nicht so. Das Miklnburg ist schon sehr provinziell in der Hinsicht.
00:30:05: Hast du das Gefühl, dass die AfD die NPD einfach ersetzt hat, also aufgesogen hat? Oder das ist
00:30:13: ja das, was auch in der Debatte häufig so ein Thema ist, dass man sagt, okay ja gut, die NPD,
00:30:18: das waren ja offene Faschisten, das waren ja irgendwie die ideologischen Nachfolger der NSDRP.
00:30:22: Aber die AfD, das ist ja noch mal was ganz anderes, das sind ja irgendwie bürgerliche
00:30:26: und die haben ja irgendwie die Sorgen und Nöte der Menschen. Die Frage, die sich nicht nur mir
00:30:31: stellt oder ich habe da zumindest irgendwie eine Ahnung. Wir hatten ja alle möglichen
00:30:36: rechten Kräfte in Deutschland, DVU, Republikaner und wie die alle hießen, ist die AfD nicht als
00:30:42: einfach die eine große Plattform, wo alles zusammenkommt? Auf jeden Fall, natürlich. Ja und
00:30:48: diese Kleinstparteien, die es ja auch noch gibt aus einem faschistischen Spektrum,
00:30:51: die sind ja zu vernachlässigen, die hat ja die AfD sozusagen aufgesogen, die Wählerschaft dieser
00:30:56: Partei. Das ist jetzt sozusagen das bürgerliche gewantes Faschismus, was wir erleben mit dem,
00:31:03: mit dieser Partei. Wie blickst du auf die Bundestagswahl? Relativ entspannt, weil die Mehrheitsverhältnisse
00:31:14: sind noch nicht so, dass ich glaube, dass wir hier wirklich ab März in einer Diktatur leben werden.
00:31:20: Aber wir wissen und ich bewahne und mahne ja schon seit Monaten, dass wir uns nicht mehr so
00:31:26: entspannt auf unseren Sofaß zurücklehnen können und denken, na ja, die Politik, das ist eins, aber
00:31:32: mein Leben besteht ja noch aus ganz vielen anderen Dingen und Sphären. Ich glaube, wir sollten alle
00:31:38: weiterhin sehr, sehr wachsam bleiben und sehr uns nicht so überrascht zeigen von den Dingen,
00:31:46: die dort, wo die Parlamente AfD große Anteile von AfD-Politikerinnen haben, was daraus erwächst.
00:31:56: Das heißt, also ich komme hier aus dem Kulturbereich. Da werden sicher sehr, sehr viele
00:32:00: Kultureinrichtungen zu leiden haben unter Zensurversuchen aus dem rechten Spektrum,
00:32:07: aus wegfallenden Finanzierungen und so weiter. Also das ist schon relativ eindeutig, dass uns
00:32:13: allen der Wind sehr, sehr harsh entgegenblasen wird. Was mich vor allen Dingen aber interessiert ist,
00:32:21: der Blick zum rechten Rand, ob es jetzt NPD, du sagtest ja gerade schon diese
00:32:28: Kleinstpartei, ein dritter Weg oder so oder eben auch die AfD, da kann man sich ja häufig immer
00:32:34: so schnell darauf einigen, dass wir da ein reales Demokratie und auch teilweise Demokratievollzugsthizit
00:32:41: haben, dass diese Leute gefährlich sind, dass die radikalisieren und ideologisch Grundlagen
00:32:47: schaffen für Menschen, die Gewalttaten verüben zum Beispiel. Aber das Spannende finde ich ist ja
00:32:53: auch, dass etablierte demokratische Parteien wie SPD, CDU, Grüne teilweise auch einen bemerkenswerten,
00:33:03: eine bemerkenswerte Übernahme von Sprache, Ideologien und Position übernehmen, ob es jetzt die
00:33:07: Bezahlkarte ist für die Flüchtlinge oder das Grenzschließen oder Abschiebeflüge und teilweise,
00:33:13: dass man dann schon feststellt, okay, es fällt einem manchmal schon ein bisschen schwer, die einen
00:33:19: von dem anderen rechten Rand dazu unterscheiden. Jetzt bist du ja tatsächlich mit engagiert und
00:33:27: du bist auch zivilgesellschaftlich da unterwegs und hast dein Lebensmittelpunkt in einem Ort,
00:33:33: der wirklich beherrscht ist von Rechtsextremen und Neonazis. Wie blickst du denn, wenn demokratische
00:33:39: Kräfte plötzlich Position übernehmen, wo man eigentlich denken will, okay, das gehört auch
00:33:43: eigentlich zum rechten Rand? Hast du das Gefühl, ja, es ist wichtig, dass man sich auch in der
00:33:50: demokratischen Mitte irgendwie auf diese Leute zu bewegt oder sagst du eher, das ist doch völliger
00:33:55: Unfug, deren Position jetzt zu übernehmen und die möglicherweise damit hoffe ich zu machen?
00:33:59: Ich sage nicht, dass es Unfug ist, ich sage nur, dass es absolut moralisch verwerflich ist, tatsächlich
00:34:05: sich so anzunähern von den inhaltlichen Positionen her an die Faschisten. Und wir wissen ja woher es
00:34:11: kommt. Wir wissen auch, jeder, der Berufspolitiker ist, der möchte natürlich gerne seinen Posten
00:34:16: behalten und schult auf die Wahlergebnisse. Und wenn die Vorzeichen in einer Gesellschaft so stehen,
00:34:23: dass man mit solchen Argumenten punkten kann, dann ist es sozusagen nachvollziehbar. Ich toleriere
00:34:30: das nicht, ich verurteile das zu tiefst, aber es ist nachvollziehbar, dass man dann den Wählern,
00:34:37: die vermeintlich auf die rechten Parolen gut anspringen, dass man denen auch nach den Mond
00:34:41: redet. Es ist einfach dieses Politiksystem, was das leider so befördert, solche Tendenzen und solche
00:34:50: Phänomenen. Wir machen noch ein zweites Spiel, das ist dann auch tatsächlich das letzte Spiel,
00:34:57: versprochen. Es heißt Meckerecke. Und die Herausforderung besteht diesmal, alles das einmal zu
00:35:06: adressieren, was nervt, wo man denkt, das kann doch nicht richtig sein. Also da hat es wirklich
00:35:12: Kritik verdient und einmal zu adressieren, was bringt dich eigentlich zur Weißglut? Was sind
00:35:19: so die Dinge, wo du sagst, da brauchen wir jetzt leidenschaftlichen Widerspuch. Und genau,
00:35:26: da gibt es manchmal, zumindest das meine Feststellung, sehr wenig Zeit, das man sich einmal so richtig
00:35:33: auslassen kann. Diesen Raum möchten wir gerne zur Verfügung stellen und das ist dann jetzt die
00:35:39: Meckerecke.
00:35:40: Was ist das, was dich zur Weißglut bringt?
00:35:53: Zur Weißglut bringt mich, dass ignorante, wegschauen, sich ins Private zurückziehen von
00:36:07: Menschen, wenn sie etwas konfrontiert werden, wo sie eigentlich als Mitbürger, Mitbürgerinnen
00:36:16: einschreiten sollten, Stellung beziehen sollten. Das macht mich wahnsinnig nervös und ärgerlich,
00:36:24: wenn ich merke, dass die Leute gerade hier in unserem Umfeld sagen, wieso ist doch das
00:36:30: noch nicht schlimm. Die Nazis aus Jammel, das sind doch die Jungs von hier, die kennen wir doch
00:36:36: schon seitens die Kinder sind und die sind hilfsbereit. Die machen wirklich, wenn du sie brauchst,
00:36:45: kommen sie, brauchst du sie nur rufen und sie sind da. Und was die politisch denken und machen,
00:36:51: das ist mir egal. Hauptsache, sie machen auch gute Preise, wenn sie sind ja auch oft selbstständig.
00:36:55: Also man holt sich dann ein Angebot ein von dem hiesigen Nazi und der unterbietet sehr
00:37:00: häufig andere Anbieter. Natürlich nimmt man dann den wunderbar. Ist doch gut, was der denkt,
00:37:06: mir doch egal, dass der so komische Tattoos hat, weiß ich gar nicht, kenne ich gar nicht. Die Fahne,
00:37:12: die auf seinem Haus weht, weiß ich nicht, kann er doch machen. Also diese dumme, dämliche,
00:37:21: rückhartlose Haltung von ganz vielen Menschen, die bringt mich auf die Palme.
00:37:25: Perfekt, vielen Dank. Wo man aufpassen muss, da müssen wir in diesem Podcast besonders aufpassen,
00:37:35: wie ein Nationales Schnelles und Schlagseite zu bekommen ist, dass man nicht nur in dem negativen
00:37:42: Verhaart und ich glaube, das würde auch dir deine Arbeit in dem Leben und dem, was ihr in Jamel
00:37:47: aufgebaut hat, überhaupt nicht gerecht werden. Wir haben sehr viel über die negativen Dinge
00:37:52: gesprochen, aber es gibt ja auch das Gegenstück dazu. Also das, was ihr aktiv vorantreibt. Ihr
00:38:00: seit 2007 die Organisatorinnen und Organisatorin des Musikfestivals Jamel rockt den Förster auf
00:38:08: eurem eigenen Grundstück. Gestartet als privates Event mit 30 Gästen hatte sich zu einer bundesweit
00:38:14: bekannten Veranstaltung für eine offene Gesellschaft und gegen Rechtsextremismus mit mehreren
00:38:20: tausend Teilnehmern entwickelt. Unter anderem waren da Herbert Grönemeyer, die Toten Hosen,
00:38:26: Danger Dan, Materia, Igor Levitt, Casper. Alle Samen sind kostenlos aufgetreten und haben sich in
00:38:37: den Dienst der Sache gestellt für Demokratie und gegen Neonazitum. Was bedeutet dir dieses
00:38:43: Festival? Also was bedeutet es, das oder was hast du das erste Mal gedacht als Musiker von Rang und
00:38:50: Namen gesagt haben ja klar, komm wir vorbei machen, war, finden wir gut. Hast du dir das überhaupt
00:38:54: jemand zu vorstellen können? Wir wollten natürlich wachsen. Also von den 30 Besucherinnen in 2007
00:39:02: haben wir uns schon gewünscht, dass das ein bisschen mehr wird. Wir haben aber auch gemerkt, wie
00:39:06: schwierig das hier in der Region ist, alleine Bands zu finden, die hier spielen wollten, weil viele
00:39:11: sagten, wir haben schon genug von den Nazis auf die Fresse bekommen. Direkt in Jamel spielen wir nicht.
00:39:16: Kann man auch verstehen. Ja, eigentlich schon. Und das war natürlich nicht geplant und das ist
00:39:23: dann durch diesen Brandschanschlag an unserer Scheune passiert, dass die Toten Hosen sich ganz
00:39:28: spontan gemeldet haben, ganz spontan Benefits auftritt hier, spielten bei uns und daraufhin
00:39:34: eben halt uns Leute zur Seite gestellt haben aus ihrer Agentur, die für uns Bukken die beste
00:39:39: Kontakte haben in der deutschen Musik Szene. Und das war für uns gigantisch. Also das war ein
00:39:44: Riesenschritt. Wir hatten ein Jahr zuvor schon einen großen Schritt gemacht, in dem wir Alpha Will auf
00:39:48: der Bühne hatten, also eine international sehr erfolgreiche Band. Das war schon, da merkt mir
00:39:54: schon, boah, jetzt geht's voran, so wie wir uns das gewünscht haben. Also wirklich ein erfolgreiches
00:39:59: kleines Festival zu werden. Aber mittlerweile ist es natürlich richtig groß und fett geworden,
00:40:04: das Line-Up. Ja, und das ist toll. Großartig. Hast du jemals Angst gehabt, dass durch das Festival
00:40:14: noch mehr Probleme entstehen, dass sie noch mehr irgendwie in den Fokus oder in den Wiesnitz,
00:40:19: in den ins Fadenkreuz geratet? Nur ein kleiner Moment vielleicht, ja, weil es ist schon so,
00:40:27: dass wir merken, während des Festes gibt es ja immer Störaktionen auch von unseren Nachbarn.
00:40:32: Und wenn dann alle wieder weg sind, alle Helferinnen und Helfer und wir wirklich zu zweit
00:40:37: allein auf dem Hof sind, dann haben wir schon so ein Moment des Innehalts und sagen, na mal gucken,
00:40:42: wie die Reaktion dieses Jahr ausfällt. Es ist aber nie was sehr gravierendes passiert in Folge.
00:40:48: Also insofern ist es eher dieses Gefühl, was ich vorhin beschrieb, dass für uns über alles,
00:40:52: was uns in die Öffentlichkeit bringt, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf uns und das
00:40:56: Problem hier in Jammel lenkt, dass wir das als hilfreich empfinden und als unterstützend und
00:41:00: nicht beängstigend. Bist du manchmal müde? Ich glaube du, also wenn man dich so reden hört,
00:41:10: wenn man so sich mit deiner Geschichte auseinandersetzt, dann stellt man fest, ihr kämpft die ganze Zeit. Es
00:41:15: ist ein einziger Kampf für das richtige und gute gegen das falsche und schlechte und etwas,
00:41:23: was man ja glaube ich schon fragen kann und fragen darf ist, wie geht es euch damit? Seid ihr müde?
00:41:30: Seid ihr erschöpft? Wie haltet ihr euch irgendwie aufrecht und auf den Beinen? Was ist das,
00:41:35: was, wie geht es dir mit alledem? Wir werden nicht jünger, gebe ich durchaus Such. Das heißt,
00:41:44: wir sind jetzt in der zweiten Hälfte unserer 60er Jahre und wir werden sicherlich nicht noch weitere
00:41:50: 20, 30 Jahre des tun können in dem Umfang, was wir jetzt zur Zeit tun. Wir machen ja nicht nur was
00:41:56: Festival, wir sind auch in der politischen Bildung unterwegs, wir sind als Speaker auf Kongressen
00:42:01: in Veranstaltungen und so weiter. Das werden wir über kurz oder lang relativ einschmelzen,
00:42:08: unser Engagement. Wir sind, du erwischt uns gerade an so einem Punkt, wo wir naken, nee,
00:42:13: das Leben besteht auch noch aus was anderem oder sollte zumindest aus etwas anderem bestehen,
00:42:17: als unserm zivilgesellschaftlichen Engagement und da planen wir gerade ein wenig und wir haben
00:42:22: vor allen Dingen auch eine tolle Crew mittlerweile bei Sam, die viel, viel vom Festival Stress von
00:42:29: uns fernhält und das ist sehr, sehr toll. Vielen Dank an dieser Stelle, falls ihr alle zuhört.
00:42:34: Also ich glaube, jeder, der schon mal irgendwie eine Geburtstagsfeier oder eine Hochzeit organisiert
00:42:39: hat, der weiß ja, was für ein unglaublicher Aufwand das ist und wenn man sich dann vorstellt,
00:42:43: da kommen tausende Menschen und es gibt Bands und der ganze Technik für die Fans, also das ist
00:42:48: schon keine kleine Sache, die ihr da jedes Jahr auf die Beine stellt. Hast du mal überlegt,
00:42:56: wie es wäre, wenn noch andere stabile Menschen, Familien nach Jameln kommen? Hast du jemals versucht,
00:43:04: irgendwie zu überzeugen, zu kommen, zu hoffen, dass die richtigen Leute mehr werden in Jameln?
00:43:10: Das ist leider unmöglich, weil es gibt zwar noch ein paar freie Grundstücke in diesem winzigen
00:43:16: Dorf, aber die werden nicht veräußert aufgrund der Tatsache, dass wir hier schon Erfahrung machen
00:43:22: mussten, dass denn die nächste Nazi-Familie hierher zieht. Insofern brauchen wir das nicht
00:43:28: mehr im Anbieten oder die Idee in den Kopf zu pflanzen. Mensch, unterstützt euch doch,
00:43:32: indem ihr hier auch wohnt. Das ist leider nicht möglich. Und leider ist es auch in der Nachbardorf,
00:43:38: so dass da im Moment ganz gezielt Zuzug von rechts stattfindet. Also ist so. Haben auch die
00:43:46: letzten Kommunalwahl-Ergebnisse aus unserem Gemeinderat ergeben, dass wir hier also wirklich in
00:43:51: einer Gemeindeleben, die wirklich sehr, sehr durchsetzt ist von Menschen, denen Rechtsextremismus
00:43:57: keine Angst macht im Gegenteil. Was wünscht du dir für die Zukunft? Für die Zukunft in Jamel?
00:44:04: Also wenn ich realistisch bin, dann sage ich, dieses Dorf ist verloren für unsere Gesellschaft. Auch
00:44:13: die Bewohner dieses Dorfes sind mit Ausnahme von uns beiden verloren. Die Kinder sind die Terroristen
00:44:18: von morgen, die werden in einer sektenartigen Struktur eingenordet auf diese rechtsextreme
00:44:24: Ideologie. Nee, also für Jamel habe ich gar keine Wünsche. Ich hoffe nur, dass unser schöner
00:44:32: Forsthof relativ lange unbeschadet die Nachbarschaft übersteht. Werdet ihr bleiben,
00:44:40: wird ihr bis zum Schluss in Jamel bleiben. Was auch immer der Schluss sein wird. Ja, also erst mal
00:44:47: gibt es keine Pläne hier. Ich hoffe ja, ein Altersschwäche, sonst das hier ein langes,
00:44:52: altes Leben. Vielleicht wie Johannes Hesters, dann kommt ihr noch ins Fernsehen, wenn ihr die 100
00:44:56: Überschritten habt. Wie blickst du denn vielleicht noch mal so als großer Überblick? Wir haben viel
00:45:08: über Jamel gesprochen. Du sagst dir, da ist ja auch irgendwie kommunal irgendwie ein Thema. Es gibt
00:45:14: ja noch eine Region und ihr seid ja auch Teil des Bundeslandes. Baden-Württemberg,
00:45:18: wie blickst du auf die politischen Verhältnisse? Mecklenburg-Vorpommern.
00:45:23: Ich bin aber auch berühmlich für meine grandiose schlechten Geografie kennnisse. Umrechts und nicht
00:45:38: unten links. Also ich habe auch sehr viel mit Schwaben zu tun gehabt, in meinem Leben. Vielleicht haben
00:45:41: wir sich doch irgendwie im Kopf festgesaugt. Ich habe es auch nur an deinem Blick tatsächlich
00:45:46: gesehen, dass du einmal kurz gestozt hast. Mecklenburg-Vorpommern ist ein Bindestrich,
00:45:54: ein Bindestrich Bundesland. Wenn du da auf die politischen Verhältnisse und die Entwicklung
00:45:59: siehst, hast du denn das Gefühl, dass in Mecklenburg-Vorpommern die Sachen irgendwie vorangehen?
00:46:04: Das ist ja ein ganz interessantes, spannendes Bundesland. Wahnsinnig viel Tourismus irgendwie
00:46:08: so Richtung Strand und Meer. Und dann gibt es doch relativ starke verarmte Regionen. Dann gibt es
00:46:16: irgendwie Jamel mit diesem harten rechtsextremistischen Neonazi-Problem. Wie würdest du jemandem,
00:46:24: der von alledem, was deine Heimat ist, keine Ahnung hat, dieses Bundesland, diese Region,
00:46:29: den Landkreis beschreiben? Es ist ein landschaftlich wunderschönes Land. Das war auch ein Grund,
00:46:39: warum wir hierher umgesiedelt sind. Die Ostseeküste, die Region hier, die noch relativ naturbelassen
00:46:49: sind, die Wälder, die Küstenstreifen im Vergleich zu Westdeutschland. Was wir ja kannten,
00:46:56: fanden wir es hier immer wunderbar wild. Auch von der Architektur her, es gibt hier wunderschöne
00:47:01: alte Herrenhäuser. Und viele Seen auch im Binnenland, also nicht nur die Ostsee,
00:47:05: es ist ein wunderbares Urlaubsland. Wer hier herziehen möchte und ich fordere alle Demokraten
00:47:13: und Demokraten nach MV umzusiedeln, weil wir brauchen euch hier ganz dringend, sollte sich aber
00:47:20: dessen bewusst sein, dass wir hier diese ganz, ganz starke faschistische Strömung haben in diesem
00:47:25: Land. Oh, hier im V, aber so ist es. Wir haben jetzt die allerletzte Rubrik und hier ist ganz schön
00:47:36: wichtig, Platz für deine Werbanzage. Die Zeit ist quasi um, aber bevor wir dich entlassen mögen,
00:47:41: möchten wir dir gerne die Möglichkeit geben, eine persönliche Werbanzage zu schalten. Danke
00:47:46: zu sagen, aufmerksam zu machen, Werbung zu machen für Projekte, für eine CD von dir selber,
00:47:53: von deinem Mann, von Menschen, die in deinem Umfeld sind, vielleicht gibt es einen Buch,
00:47:58: ein Podcast, ein Film, was so immer dich inspiriert hat und wo du denkst, der hat Aufmerksamkeit
00:48:02: verdient und das ist etwas, was auch die anderen, die unseren Podcast zuhören, gut täte. Und das
00:48:10: ist unsere letzte Rubrik, sie heißt ganz schön wichtig, Platz für deine Werbanzage. Oh, ganz
00:48:18: schön, wichtig, Platz für deine Werbanzage. Okay, also Leute, wenn ihr euch dafür interessiert, was
00:48:32: Horst und mir seit 20 Jahren in diesem kleinen sogenannten Nazi-Dorf passiert ist, liest mein
00:48:38: Roman, der ist im Moment gerade im Entstehen, hat noch keinen Verlag. Hallo, liebe Verlagsmitarbeiter,
00:48:44: vielleicht interessiert sich der eine oder andere Lektor schon für das Projekt, kann sich gerne
00:48:48: bei mir melden. Der wird demnächst fertig gestellt, hoffe ich mal und wird sozusagen die ganze Zeit
00:48:55: beleuchten und die ganzen Begegnungen, die wir hatten, zeigen. Und wem das zu lange dauert,
00:49:02: auf dieses Buch zu warten, da kann sich gerne die ARD-Dokumentation lauter Widerstand ansehen,
00:49:07: die ist im Moment noch in der Mediathek der ARD zu sehen und läuft auch auf vielen einigen Festivals,
00:49:13: demnächst stundenlang sehr unterhaltsam, also nicht nur ernsthaftes Thema, sondern auch Unterhaltung.
00:49:20: Was ist Jamel, was machen die Lumayas da und was für Erlebnisse haben sie? Vielen Dank,
00:49:28: ein ganz wunderbares Gespräch. Danke für deinen Einsatz, für den Engagement, danke, dass du laut
00:49:33: bist und damit ganz hervorragend zu unserem Podcast passt, der ganz schön laut heißt. Und an
00:49:41: alle da draußen, die jetzt zuhören, macht euch schlau, kauf das Buch, wenn es denn draußen ist,
00:49:46: an die Verlagswelt. Ihr habt hier eine ganz große Chance und eine Möglichkeit schlagt zu.
00:49:56: Schaut euch die Dokuren in der ARD-Mediathek, das kann ich so glaube ich richtig verstanden.
00:50:01: Empfehlt uns weiter, abonniert diesen Kanal, schaut auf veto-mag.de und Instagram, da gibt es
00:50:09: meistens die Bewerbung noch Zitate und weitere Hinweise zu diesem Podcast, zu dieser Podcastfolge.
00:50:17: In diesem Sinne vielen Dank, Birgit, für deine Zeit. Vielen Dank euch, die ihr zugehört habt.
00:50:21: Bis zum nächsten Mal, bleibt gesund. Ciao.
00:50:23: Hey, bist du noch da? Dann bis bald. Du hörst ganz schön laut, den Veto Podcast. Alle zwei Wochen,
00:50:47: überall, wo es Podcast gibt. Und bis dahin, folgt uns auf Instagram und TikTok.
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