Hanna Esther Veiler und der Überlebensmodus

Shownotes

Die Erinnerungsarbeit ihrer Großmutter, geboren 1939, habe sie inspiriert und politisiert, erzählt Hanna Esther Veiler. Die erste Aktivistin in ihrem Leben. Veilers Oma wuchs inmitten von Krieg und Verfolgung auf. Später recherchierte sie in Archiven mehr als 300 Namen ermordeter jüdischer Menschen im Zweiten Weltkrieg.

Heute ist Hanna Esther Veiler als Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands selbst eine laute und viel gehörte Stimme. Seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 jedoch befinde sie sich im Überlebensmodus: „Es ist wie im Flugzeug. Wenn die Masken runterfallen, muss man zuerst sich selbst helfen und dann erst den anderen.“

Seit 15 Monaten schon sei sie nur noch damit beschäftigt, auf antisemitische Attacken zu reagieren oder jüdische Positionen zu verteidigen. Von Deutschland und den politischen Entwicklungen wünscht sich die junge Aktivistin Abstand.

Mit Host Ninia LaGrande spricht Hanna Esther Veiler über Ambivalenzen, über ihr Heimatland Belarus und darüber, warum sie niemals in die Politik gehen möchte. Und sie verrät, warum ihr Kühlschrank so gut wie immer leer ist.

TRANSPARENZ

Hanna Esther Veiler empfiehlt verschiedene Anlaufstellen für jüdische Menschen, zum Beispiel das Edamagazin, die Beratungsstelle OFEK und den Bundesverband RIAS, auf dessen Webseite antisemitische Vorfälle gemeldet werden können.

Abschließend weist sie auf den Sammelband „Sicher sind wir nicht geblieben“ von Laura Cazés hin, in dem verschiedene Personen der Frage nachgehen, was es heute bedeutet, in Deutschland jüdisch zu sein.

Die Folge mit Hanna Veiler wurde am 7. Februar 2025 aufgezeichnet.

URHEBERRECHT

Im Intro des Podcasts zitieren wir:

Enissa Amani, aus: „Rebels. Ich rebelliere also bin ich“; Folge 2: „Die Macht der Comedy“ vom 13. Dezember 2022, ARD Kultur, Timecode: 00:11:26

Anja Reschke, aus: „Panorama“, Beitrag „Mein Nachbar ist Nazi“ vom 1. Juli 2022, NDR, Timecode: 00:00:05

Disarstar, aus: „Rebels. Ich rebelliere also bin ich“; Folge 1: „Die Macht der Musik“ vom 13. Dezember 2022, ARD Kultur, Timecode: 00:01:45

DANKSAGUNG

Redaktion: Jasper von Römer; Hosts: Ninia La Grande, Stephan Anpalagan; Produktion: Benjamin Jenak; Artwork: Karla Schröder; Sprecherin: Leni Leßmann

FINANZIERUNG

Veto wird anteilig gefördert vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.

Transkript anzeigen

00:00:00: Es hätte keine Veränderungen dieser Welt gegeben, wenn nicht irgendjemand gesagt hätte,

00:00:05: "Achtung, das müssen wir ändern."

00:00:07: Aber manchmal muss man klare Kante zeigen.

00:00:09: Das fordert die Gesellschaft ja auch.

00:00:11: Klare Kante gegen rechts heißt es auch zum Beispiel immer.

00:00:13: Die Welt brennt an allen Ecken und Enden.

00:00:15: Haben wir extreme massive Probleme, vor denen sich auch keiner verschließen kann.

00:00:19: Die Welt ist in Aufruhr.

00:00:21: Doch Aktivistinnen geben Hoffnung.

00:00:24: Du hörst ganz schön laut.

00:00:26: Den Veto-Podcast mit Ninia La Grande und Steven an Palaggan.

00:00:29: Wir stellen Menschen vor, die für Veränderung etwas riskieren.

00:00:33: Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge von "Ganz schön laut"

00:00:41: dem Podcast des Veto-Magazins.

00:00:43: Alle zwei Wochen sprechen wir hier mit Menschen, die sich aktivistisch engagieren,

00:00:47: mit Menschen, die ihre Stimme erheben, um in dieser Gesellschaft etwas zum Besseren zu wenden.

00:00:52: Und auf meine heutige Gästin freue ich mich sehr, ich kann sagen,

00:00:55: dass sie schon lange ein Interview-Gast von Steven und mir war.

00:00:59: Und ich mich deshalb umso mehr freue, dass ich mit ihr sprechen darf.

00:01:02: Sie kann in ihren jungen Jahren schon auf einen krassen Lebenslauf voller Engagement

00:01:06: und zahlreicher Ämter zurückblicken.

00:01:08: Sie hat die jüdische Studierenden Union Wittenbergs mitgegründet.

00:01:11: Sie ist seit 2018 in der jüdischen Studierenden Union Deutschlands aktiv

00:01:15: und seit 2023 Präsidentin.

00:01:18: Genauso wie Vize-Präsidentin der European Union of Jewish Students.

00:01:22: Sie ist Publizistin, politische Bildnerin und wurde unter anderem

00:01:26: als Political Activist of the Year ausgezeichnet.

00:01:29: Und damit herzlich willkommen, Hannah Esther Weiler.

00:01:32: Schön, dass du da bist.

00:01:33: Hi, ich freue mich sehr, da zu sein.

00:01:35: Ich muss ein bisschen ein Lachen unterdrücken,

00:01:38: weil das jetzt der dritte Beginn dieses Podcasts ist,

00:01:41: miteinander gesprochen und deine Spuren nicht aufgenommen.

00:01:45: Dann haben wir miteinander gesprochen und ich habe nicht auf Aufnahme gedrückt.

00:01:48: Und jetzt vielen Dank also für deine Geduld.

00:01:50: Ich freue mich immer, dass du da bist und dass du dir die Zeit nimmst.

00:01:54: Ich sage noch ein bisschen was zu dir.

00:01:56: Dann kannst du gerne ergänzen, ob das alles so passt.

00:01:58: Du bist Mitorganisatorin des Jewish Women Empowerment Summit

00:02:02: und engagierst dich in Arbeitskreisen für Feminismus,

00:02:05: Antirassismus, Inklusion und LGBTQIA+.

00:02:09: Außerdem publizierst du Artikel unter anderem bei Zeit Online,

00:02:12: der TATS und der jüdischen Allgemeinen

00:02:15: und auch mittels Workshops und Vorträgen bildest du Menschen

00:02:18: in den Themenbereichen Antisemitismus, Rassismus,

00:02:21: postübettische Geschichte und kritische Erinnerungskultur weiter.

00:02:24: Ist das alles so korrekt oder möchtest du noch was ergänzen?

00:02:27: Das ist also vielen Dank für die ausführliche Vorstellung.

00:02:31: Das ist erstmal alles korrekt, aber mir fällt immer wieder bei,

00:02:34: wenn meine Bio verlesen wird, auf wie viele der Themen,

00:02:38: die da eigentlich drinstehen, als meine Schwerpunktsthemen,

00:02:41: Sachen sind, für die ich einfach seit Monaten,

00:02:45: wenn ich sogar seit Jahren kaum Zeit habe,

00:02:48: einfach weil irgendwie das politische Tagesgeschehen

00:02:51: und der Arbeit so sehr auf Antisemitismus und jüdisches Leben

00:02:55: einsteckt, dass einfach ganz viele dieser Themen,

00:02:58: an denen ich eigentlich total gerne gearbeitet habe,

00:03:01: die mir auch total wichtig sind,

00:03:03: einfach seit so langem unter den Tisch fallen.

00:03:06: Wir kommen später noch dazu, inwiefern all dieses

00:03:10: tagespolitische Geschehen deiner Arbeit auch in den letzten 15

00:03:14: Monaten geprägt hat, wir fangen mal mit deiner persönlichen Geschichte an.

00:03:17: Du hast in dem Interview erzählt, von deiner Großmutter erzählt,

00:03:21: die eure gesamte Familiengeschichte archiviert und dokumentiert hat.

00:03:25: Und du hast sie als erste jüdische Aktivistin in deinem Leben bezeichnet.

00:03:29: Inwiefern hat dich ihre Arbeit geprägt?

00:03:32: Das ist eine sehr, sehr große Frage.

00:03:35: Meine Oma ist leider vor ein paar Wochen verstorben

00:03:38: und ich stelle mir die ganze Zeit seitdem die Frage danach

00:03:43: also genau diese Frage, wie genau hat sie mich geprägt

00:03:46: und vor allem, was bedeutet das für meine Arbeit,

00:03:49: weiterhin, weil ich mich auch in der Verantwortung sehe,

00:03:53: ihr Lebenswerk irgendwie weiterzutragen und ihre Legacy weiterzutragen

00:03:57: und das alles in meine Arbeit aufzunehmen.

00:03:59: Aber eigentlich tue ich das auch schon seit Jahren.

00:04:01: Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, wie ich irgendwie

00:04:04: als dreijährige krank bin und meine Oma zu mir nach Hause kommt,

00:04:09: um auf mich aufzupassen.

00:04:11: Und ich habe wirklich noch im Kopf, wie ich so durch die Gitter

00:04:14: meines Kinderbetts gucke, auf meine Oma und sie anfängt,

00:04:17: mit mir über ihre Kindheit zu sprechen.

00:04:21: Sie ist 1939 in Belarus geboren, zwei Jahre später wurde die Sowjetunion

00:04:28: von dem Nationalsozialistischen Deutschland überfallen.

00:04:33: Sie, ihr Bruder, ihre Mutter und ihre Oma waren so die einzigen,

00:04:37: die nach Sibirien evakuiert werden konnten während

00:04:40: wirklich 90 Prozent ihrer Familie einfach ausgelöscht wurden

00:04:45: und in Massengräbern ermordet wurden.

00:04:49: Und gleichzeitig gibt es noch einen anderen Teil dieser Familiengeschichte,

00:04:53: der einfach ganz relevant ist.

00:04:55: Zwei Jahre vor ihrer Geburt wurde ihr Großvater im Rahmen

00:04:59: der stalinistischen Säuberung als vermeintlicher polnischer Spion,

00:05:04: weil er polnischer Jude war und polnisch sprach, hingerichtet.

00:05:08: Und das sind alles Dinge, die meine Oma schon immer extrem geprägt haben

00:05:12: als Person.

00:05:14: Und sie hat mit dem Anfang der Glasenheit, mit dem Anfang der

00:05:20: Piedestroika, also Ende der 80er-Jahre, als es möglich wurde,

00:05:25: es sie in alle möglichen Archive gegangen, hat recherchiert,

00:05:30: hat diese Familiengeschichte publiziert, hat im Laufe ihr das

00:05:37: Lebens über 300 Namen an Yad Vashem geschickt, also an das Museum

00:05:42: in Jerusalem, um den Menschen, die im Holocaust ermordet worden sind,

00:05:46: einen Gesicht zu geben, einen Namen zu geben und sie aus dieser

00:05:50: Anonymität zu holen.

00:05:52: Und dank ihr bin ich mit diesen ganzen Geschichten und Details

00:05:58: dieser Geschichte aufgewachsen.

00:06:00: Und mir wird immer wieder im Gespräch mit Gleichaltrigen,

00:06:03: die nicht jüdisch sind, bewusst, dass die Zeit dieser 80 Jahre

00:06:09: seit dem Holocaust für viele so scheinend als seien sie unglaublich

00:06:14: weit weg.

00:06:15: Es sei das irgendwie das Mittelalter.

00:06:17: Und für mich ist das einfach dadurch, dass ich diese Geschichte

00:06:20: kenne, sehr, sehr nah.

00:06:22: Und es blickt mein Leben bis heute.

00:06:24: Und ich habe das Gefühl, dass auch wirklich ein ganz, ganz

00:06:31: großer Teil dessen ist, wieso ich heute mache, was ich mache,

00:06:35: weil ich dadurch das Gefühl habe, ich kann nicht verzeihen,

00:06:39: ich kann nicht loslassen, was meiner Familie widerfahren ist,

00:06:42: was sehr, sehr vielen Familien widerfahren ist, was den Familien

00:06:46: meiner Freundinnen und Freunden widerfahren ist und so weiter.

00:06:51: Und auch die Konsequenzen, die es bis heute auf unsere Familien

00:06:55: hand.

00:06:56: Und deswegen muss ich irgendwie weiter machen und weiterkämpfen

00:07:00: und dafür einstehen, dass jüdische Juden einen selbstbestehenden

00:07:05: Teil in dieser Gesellschaft ausmachen können.

00:07:08: Und deshalb, ja, meine Oma war die erste jüdische Aktivistin,

00:07:15: der ich im Leben begegnet bin und jeder Besuch bei ihr war wie

00:07:19: eine Vorlesung über jüdische Geschichte, jüdische Kultur.

00:07:23: Und das Interessante ist, sie war ein absolut nicht religiöser

00:07:26: Mensch, sie hatte keine Ahnung von jüdischen Feiertagen oder

00:07:30: Ähnlichem.

00:07:31: Aber sie hatte dennoch eine sehr, sehr stark ausgeplägte kulturelle

00:07:37: jüdische Identität.

00:07:39: Und auch das ist etwas, das in Deutschland heute, glaube ich,

00:07:42: sehr unsichtbar ist.

00:07:43: Jüdisches Leben wird immer mit einem Praktizieren verbunden,

00:07:46: also mit Religion.

00:07:47: Und gleichzeitig ist es sehr, sehr viel mehr als Religion.

00:07:50: Also man kann jüdisch sein, ohne religiös zu sein.

00:07:55: An meiner Oma habe ich das immer sehr, sehr stark wahrgenommen,

00:07:58: sehr stark gesehen, wie stark jüdische Identität ist,

00:08:01: obwohl sie eigentlich absolut nichts mit dem religiösen Teil

00:08:05: zu tun hat.

00:08:07: Ich habe ja auch gesagt, sie hat eure Familiengeschichte archiviert.

00:08:11: Da gibt es einen ganz besonderen Brief, oder?

00:08:13: Magst du von dem erzählen?

00:08:15: Sehr, sehr gerne.

00:08:18: 1939, als mit dem Hitler-Mollertopf-Pakt, als ein Teil, also als

00:08:25: Polen aufgeteilt wurde und ein Teil von Polen sowjetisch wurde,

00:08:29: ist ihre Tante, die Tante meiner Oma, sie wurde als junge

00:08:36: Medizinerin nach Polen versetzt.

00:08:38: Und es war ein total krasses Glück für die Familie Polengalt.

00:08:41: Damals, als der Westen und nur die Besten wurden ausgesucht

00:08:45: und das Jüden wurde ausgesucht, um in Polen arbeiten zu dürfen.

00:08:49: Und sie ist dann nach Polen, nach Belastok, das ist an der Grenze

00:08:54: zwischen Polen und Belarus, gezogen und Anfang Juni 1941

00:09:01: kam bei meiner Familie, also bei der Mutter meiner Oma oder der Oma,

00:09:07: also bei der Familie, ein Brief dieser Tante an, auf jedisch.

00:09:13: Und drei Wochen später wurde die Sowjetunion von dem

00:09:17: nationalsozialistischen Deutschland überfallen.

00:09:19: Und drei Wochen später war diese Tante quasi verschwunden,

00:09:23: ermordet, von den Nationalsozialisten vernichtet.

00:09:26: Aber dieser Brief auf jedisch hat überlebt und der ist immer noch

00:09:31: in unserem Familienbesitz, jetzt seit meiner Großmutter gestorben ist,

00:09:35: habe ich diesen Brief.

00:09:37: Und das ist für mich einfach so unglaublich, diesen Brief auf jedisch

00:09:42: in meinen Händen halten zu können, weil er für mich für eine Welt steht,

00:09:48: also in meiner Familie hat nach dem Holocaust niemand mehr jedisch gesprochen.

00:09:52: Vielleicht nur noch so die ältere Generation, die Großeltern.

00:09:57: Vor dem Holocaust waren auch alle religiös und orthodox

00:10:01: und haben das Judentum praktiziert und nach dem Holocaust keiner mehr.

00:10:05: Und dieser Brief steht für mich deshalb für eine Welt,

00:10:10: die mal existiert hat, aber die einfach vernichtet wurde

00:10:15: und nicht mehr da ist.

00:10:17: Und für mich ist es unglaublich und zeigt auch wirklich,

00:10:21: was für ein Mensch meine Großmutter war, dass dieser Brief trotz Holocaust,

00:10:27: trotz Evakuierung, trotz Hin und Her ziehen innerhalb der Sowjetunion,

00:10:32: trotz Immigration nach Deutschland, trotz all dem hat dieser Brief überlebt.

00:10:37: Und das ist krass, weil ich auch weiß, ich habe einen Ordner mit Dokumenten,

00:10:42: wie mit diesem Brief, mit alten Familienfotos.

00:10:44: Und ich weiß, wenn es bei mir brennen sollte, ist das das erste, was ich mitnehme.

00:10:48: Ich weiß, wo es liegt.

00:10:50: Und das ist einfach, wenn ich auf diesen Brief gucke,

00:10:54: kann ich mir manchmal selber, glaube ich, manchmal selber nicht,

00:10:57: dass dieser Brief geschafft hat zu überleben,

00:10:59: weil das eben so ein Überbleibsel ist von der Welt, die einfach nicht mehr da ist.

00:11:04: Würdest du sagen, diese gemeinsame Zeit mit deiner Großmutter

00:11:10: und vor allem auch so dieses Gefühl der Vorlesung, die man da bekommt,

00:11:14: haben dich politisiert?

00:11:16: Auf jeden Fall.

00:11:18: Also ich glaube, dass meine Großmutter der erste Mensch war, der mich politisiert hat.

00:11:23: Eben wegen der Dinge, die ich bestieben habe,

00:11:28: dieses "Ich kenne meine Familiengeschichte einfach zu gut".

00:11:33: Ich kenne sie mit zu vielen Details.

00:11:36: Und dadurch kann ich nicht anders als heute mit den Privilegien, die ich habe.

00:11:47: Ich meine, ich bin die erste in meiner Familie, die in einer Demokratie lebt.

00:11:50: Ich bin die erste in meiner Familie mit dem demokratischen Wahrheit,

00:11:53: ich bin die erste in meiner Familie, die selbstbestimmt ein jüdisches Leben führen kann,

00:12:00: ein öffentliches jüdisches Leben sogar.

00:12:02: Mit all dem Negativen, was damit einhergeht,

00:12:05: aber ich habe einfach unglaubliche Privilegien

00:12:07: und mit Blick auf diese Familiengeschichte war mir irgendwie durch meine Oma

00:12:10: immer klar, diese Privilegien müssen genutzt werden.

00:12:14: Und ich muss für meine demokratischen Rechte kämpfen.

00:12:16: Ich musste für kämpfen, dass dieses Land demokratisch bleibt

00:12:19: und ein Land ist in dem Menschen in Würde leben können.

00:12:23: Natürlich nicht nur für mich, sondern auch für die Menschen,

00:12:25: die ich vertrete, für die Menschen, die mir wichtig sind.

00:12:29: Und daher ja, ich glaube, ohne diesen Einfluss meiner Großmutter

00:12:34: würde ich heute auf jeden Fall nicht das machen, was ich mache.

00:12:38: Also sie hat mir wirklich in die Wiege gelegt, wie wichtig es ist,

00:12:42: dafür zu kämpfen, dass Geschichte sich nicht wiederholt.

00:12:45: Du hast ja die ersten sieben Jahre deines Lebens in Belarus gelebt.

00:12:49: Gerade erst Ende Januar wurde Alexander Lukaschenko zum siebten Mal zum Präsidenten gewählt.

00:12:54: Die Wahl gilt natürlich als Fars,

00:12:56: weil es keinen echten Gegenkandidat in den Gab,

00:12:59: sondern eben nur Anhänger Lukaschenkos, um den Schein einer Wahl zu wahren.

00:13:03: Wie ist dein Verhältnis heute zu dem Land, in dem du geboren und teilweise aufgewachsen bist?

00:13:09: Ich würde sagen, mein Verhältnis zu Belarus ist ambivalent.

00:13:13: Ich denke sehr viel über die Menschen in Belarus nach.

00:13:17: Die Menschen in Belarus sehen sich wirklich nach Demokratie,

00:13:21: nach Freiheit, nach demokratischen Wahlen.

00:13:24: Ich denke an die Hunderte von politischen Gefangenen, zu denen kein Kontakt besteht,

00:13:29: bei denen man teilweise nicht weiß, in welchem Zustand sie sind,

00:13:32: die keine Hilfe bekommen und deren einziges Verbrechenes ist,

00:13:35: für einen in einem demokratischen Land leben zu wollen.

00:13:38: Und gleichzeitig habe ich natürlich auch einen unglaublich großen Identitätskonflikt,

00:13:43: wenn es um Belarus geht.

00:13:44: Also ich könnte mich niemals als Belarusin bezeichnen.

00:13:48: Ich würde es immer umformulieren, als ich bin Belarusische Jüdin

00:13:51: aus Belarus spielt in meiner Familienbiografie eine wahnsinnig wichtige Rolle,

00:13:56: weil meine Familie dort seit Generationen gelebt hat.

00:13:59: Ich dort aufgewachsen bin.

00:14:01: Ich wünsche mir wahnsinnig, dass ich einfach zurückgehen könnte.

00:14:04: Für mich ist es viel zu gefährlich, zurückzugehen.

00:14:07: Ich bin für mich leider mit meiner politischen Aktivität verhaftet werden,

00:14:11: dass ich verhaftet werden würde.

00:14:13: Und ich würde sehr gerne einfach mal die Orte meiner Kindheit sehen können.

00:14:17: Ich würde sehr gerne auch meine Familie sehen,

00:14:20: mit der ich zum Teil auch gar keinen Kontakt mehr habe, um sie zu schützen,

00:14:27: damit es nicht für sie gefährlich wird, dass sie mit mir Kontakt haben

00:14:32: und damit sie nicht am Ende irgendwie beschuldigt werden,

00:14:34: dass sie mit ausländischen Agenten in Verbindung stehen oder sowas.

00:14:38: Also da ist super viel irgendwie Schmerz mit dabei,

00:14:42: weil ich einfach das Gefühl habe,

00:14:44: dass so ein Teil meiner Kindheit, der von mir weggerissen wurde.

00:14:47: Und ich kann diesen Teil einfach nicht mehr bekommen,

00:14:50: weil ich nicht nach Hause kann.

00:14:52: Es ist immer noch in meinem Kopf, als eine Art zu Hause verankert.

00:14:56: Und gleichzeitig bin ich mir aber auch dessen bewusst,

00:15:00: dass meine Eltern, vor allem mein Vater,

00:15:03: ich glaube, mein Vater hat da auch eine sehr große Rolle gespielt,

00:15:07: wie ich auf Bella russblicke.

00:15:09: Meine Eltern sind sehr unterschiedlich sozialisiert

00:15:12: in der ehemaligen Sowjetunion und in Belarus.

00:15:15: Die Familie meiner Mutter identifiziert sich viel stärker mit dem Land

00:15:18: als die Familie meines Vaters.

00:15:20: Und das liegt daran, dass sie unterschiedliche Privilegien hatten,

00:15:23: während meine Mutter in der Sowjetunion finanziell und wirtschaftlich besser ging,

00:15:27: dann auch später in Belarus auch besser ging.

00:15:30: Es ging meinem Vater deutlich schlechter.

00:15:33: Und mein Vater ist auch noch mal viel stärker als jüdische Person

00:15:38: in der Sowjetunion sozialisiert worden.

00:15:41: Das hat unterschiedliche Gründe.

00:15:43: Sie sind auch ein bisschen verschiedene Generationen.

00:15:46: Aber mein Vater hat mir sozusagen immer wieder mitgegeben,

00:15:48: es hat einen Grund für so, wie wir von dort weggegangen sind.

00:15:51: Weil wir da auch nie Teil dieser Gesellschaft sein konnten,

00:15:55: sondern da wurde uns immer auch sehr deutlich und klar gemacht,

00:15:59: ihr seid nicht wie wir, ihr seid immer noch Juden.

00:16:02: Und deswegen könnte ich mich, glaube ich, heute niemals hinstellen

00:16:05: und sagen, ich bin Bella russin, weil erstens war ich es auch nicht bin,

00:16:09: weil ich auch mein Jüdisch sein als eine Ethnir verstehe.

00:16:12: Aber auch weil mein Vater, das glaube ich auch,

00:16:16: ich dann automatisch die Stimme meines Vaters im Kopf habe, der sagt,

00:16:20: hey, sie haben mir mein Leben lang gesagt,

00:16:22: dass ich nicht einer von ihnen sein kann.

00:16:24: Und jetzt stellst du dich einfach hin und sagst, du ist einer von ihnen,

00:16:27: das geht nicht.

00:16:29: Und das hat natürlich auch gar nicht so viel mit den Menschen in Belarus heute zu tun.

00:16:34: Belarus ist heute ein ganz anderes Land,

00:16:36: als es vor einigen Jahrzehnten gewesen ist.

00:16:39: Das ist übrigens sehr ähnlich, wenn ich mit Freunden und Freunden,

00:16:42: die aus der Ukraine kommen zum Beispiel, spreche auch sie sagen,

00:16:46: es hatte natürlich Gründe, wieso unsere Eltern diese Länder verlassen haben.

00:16:51: Und natürlich war ein Teil dieser Gründe der Antisemitismus,

00:16:56: mit dem unsere Eltern wirklich tagtäglich konfrontiert waren

00:16:59: und sozialisiert worden sind.

00:17:01: Und nicht, dass trotz sind das Länder, also vor allem die Ukraine,

00:17:05: die einen unglaublichen demokratischen Prozess durchgemacht hat

00:17:08: und wo die Realität heute ganz anders ist und auch in Belarus ist es natürlich heute anders.

00:17:13: Aber dennoch dieser Identitätskonflikt ist da.

00:17:16: Ich ärger mich aber extrem, es macht mich wahnsinnig wütend,

00:17:19: dass Belarus so ein blinder Fleck ist in der deutschen Medienlandschaft,

00:17:23: dass kaum jemand weiß, also bis heute passiert es mir immer wieder,

00:17:28: dass Menschen irgendwie glauben, Belarus sei ein Teil von Russland und solche Dinge.

00:17:33: Und das ist wirklich, das ist kein Land, das irgendwo weit weg wäre,

00:17:37: das ist literally vor unserer Haustür und Menschen haben einfach keine Ahnung

00:17:41: und interessieren sich auch, um ehrlich zu sein, nicht wirklich dafür.

00:17:44: Und das tut mir weh, also ich hoffe wirklich mit ganzem Herzen,

00:17:48: dass Belarus bald oder eines Tages ein freies demokratisches Land ist

00:17:52: und alle politischen Gefangenen frei kommen, die Menschen in Freiheit leben können

00:17:58: und ich meine Familie und den Ort meiner Kindheit sehen kann.

00:18:03: Wir machen einen Cut von dem Ort deiner Kindheit hin zu deinem Alltag

00:18:08: als Präsidentin der jüdischen Studierenden Union Deutschlands

00:18:13: und Vizepräsidentin der European Union of Jewish Students.

00:18:16: Was sind da deine konkreten Aufgaben so im Alltag?

00:18:20: Okay, das ist tatsächlich sehr schwer zusammenzufassen,

00:18:25: weil es immer tagesabhängig ist.

00:18:29: Prinzipiell haben wir zwei Hauptaufgaben.

00:18:31: Wir wollen einerseits junge jüdische Perspektiven,

00:18:34: junge jüdische Stimmen in Politik und Zivilgesellschaft tragen,

00:18:37: aber andererseits wollen wir auch nach inarbeiten, Community Building betreiben,

00:18:43: junge Perspektiven vor jüdischen Institutionen vertreten

00:18:47: und sozusagen mit jüdischen Institutionen wie dem Zentrarad

00:18:50: oder der Zentrarwohlfahrtsstelle an einen Tisch setzen,

00:18:53: um zu sagen, das sind das die Dinge, die junge Menschen brauchen

00:18:57: und wie können wir an der Stelle zusammenarbeiten.

00:18:59: In meinem Alltag bedeutet das übersetzt,

00:19:04: aber das ist ganz viele verschiedene Dinge,

00:19:07: die alle in diese zwei Aufgabenbereiche fallen.

00:19:10: Also einerseits mache ich natürlich sehr viel Öffentlichkeitsarbeit,

00:19:14: sehr viel Pressearbeit, das heißt ich habe immer wieder Interviews,

00:19:17: aber ich habe auch immer wieder einfach öffentliche Veranstaltungen,

00:19:20: für die ich unter anderem im ganzen Land, aber auch in ganz Europa unterwegs bin,

00:19:24: sei es Konferenzen, Panel-Diskussionen, irgendwelche Tagungen und so weiter.

00:19:30: Also ich bin mit Menschen im Gespräch, um junge Jüdinnen und Juden in Deutschland zu repräsentieren

00:19:35: und das eigentlich kontinuierlich.

00:19:37: Natürlich bin ich auch eine Anlaufstelle für sehr viele Menschen,

00:19:39: das bedeutet, es melden sich viele Menschen bei mir mit ganz unterschiedlichen Belangen.

00:19:44: Manche brauchen Unterstützung, wenn es einen antisemitischen Vorfall gab

00:19:47: und fragen dann irgendwie an, ob man sich mit ihnen beim Rektor zusammen an den Tisch setzt

00:19:53: und versucht den Standpunkt deutlich zu machen

00:19:58: oder andere wollen irgendwelche Projekte auf die Beine stellen und fragen nach Unterstützung.

00:20:03: Darüber hinaus machen wir aber auch sehr, sehr viel an sehr viele verschiedene Programme.

00:20:08: Also wir haben immer wieder alle paar Monate verschiedene Bildungsseminare.

00:20:12: Wir machen Bildungsreisen, wir machen Konferenzen.

00:20:17: Wir haben im November eine Konferenz mit über 100 Leuten gehabt

00:20:21: und im Januar, im Dezember hatten wir auch eine Konferenz mit 160 Leuten, beides international.

00:20:28: Und das mussten wir natürlich alles auf die Beine stellen.

00:20:30: Also dann war ich eben mit so was wie Hotels und Catering und Bussen und Programmen

00:20:37: und wann gehen wir dann in den Bundestag und wen treffen wir

00:20:40: und solche Dinge beschäftigt.

00:20:42: Also teilweise bin ich irgendwie auch so eine Event-Management-Agentur.

00:20:48: So komme ich mir auf jeden Fall manchmal vor.

00:20:50: Das sind manchmal natürlich auch kleinere Events, die wir organisieren müssen.

00:20:54: Und das, was dann aber häufig vergessen wird, ist der ganze Papierkram.

00:20:59: Also die Sachen, die keinen Spaß machen, ich kümmer mich um sehr viel Bidokratisches.

00:21:03: Von Anträgen steiben, damit wir Gelder zur Verfügung bekommen, bis hin zu Strukturausbau,

00:21:11: gucken, was wir verschriftlichen müssen, wie wir die internen Strukturen verbessern können,

00:21:16: um die Organisation nachhaltiger zu machen.

00:21:20: Also wirklich ganz, ganz viele verschiedene Sachen.

00:21:23: Kampagnenplanung, Social Media, ja, so.

00:21:28: Also wirklich ein breites Welt an unterschiedlichsten Bereichen,

00:21:33: die von mir und vom Vorstand erledigt werden.

00:21:37: Das klingt auf jeden Fall sehr umfangreich.

00:21:40: Wie lange hat man so ein Amt inne und muss man dafür Studentin oder Student sein?

00:21:45: Das Amt hat man für zwei Jahre inne.

00:21:47: Ich habe vorgestern offiziell meinen letzten Monat dieser Amtszeit angetreten.

00:21:54: Und man muss dafür kein Student sein.

00:21:56: Also Studierendenunion, der Name ist ein bisschen misleading.

00:22:01: Wir vertreten alle, die zwischen 18 und 35 sind Mitglied einer Gemeinde, einer jüdischen Gemeinde sind

00:22:08: oder eine solche Mitgliedschaft anstreben und die einen Wohnsitz in Deutschland haben.

00:22:14: Also da fallen natürlich ganz unterschiedliche Menschen drunter.

00:22:17: Das sind Schüler*innen, das sind Studierende, das sind Young Professionals, das sind Azubis und so weiter.

00:22:24: Und natürlich sind es auch sehr unterschiedliche Lebensdialitäten, die da abgedeckt werden.

00:22:28: Weil Menschen, die 18 sind, woanders im Leben stehen, in der Regel als Menschen, die 35 sind.

00:22:35: Natürlich auch eine große Herausforderung, das alles abzufangen.

00:22:40: Du wurdest ja mehrfach ausgezeichnet für deinen Engagement.

00:22:43: Unter anderem als Frau Europas 2024. Was bedeuten dir diese Preise?

00:22:49: Ich will gar nicht so irgendwie so überbescheiden klingen oder so was.

00:22:55: Aber ich habe irgendwie so ein komisches Verhältnis dazu, wenn ich ausgezeichnet werde.

00:23:00: Weil ich immer erstmal denke, okay, aber das ist doch mein Job, das ist doch meine Verantwortung.

00:23:06: Dafür bin ich doch gewählt. Wieso kriege ich einen Preis dafür, dass ich einfach nur meinen Job mache?

00:23:10: Und natürlich weiß ich, es ist eben nicht nur ein Job.

00:23:13: Ich bin nicht angestellt, ich bin Vollzeit ehrenamtlich und so weiter.

00:23:18: Das ist so mein Approach dazu.

00:23:20: Irgendwie, okay, es ist ein Job, ich bin gewählt, ich habe eine Verantwortung.

00:23:24: Und deswegen fühle ich mich manchmal irgendwie so awkward, damit diese Preise anzunehmen.

00:23:30: Und natürlich muss man dazu auch sagen, ich weiß, dass viele dieser Preise eine Konsequenz der letzten 15 Monate sind.

00:23:36: Und dessen, was jüdische Studierende erlebt haben.

00:23:39: Und dadurch hatten wir natürlich eine gewisse Art von Aufmerksamkeit und so weiter.

00:23:43: Und ich würde aber trotzdem all diese Preise weggeben, um in der Lebensrealität vor dem 7. Oktober zurückkehren zu können.

00:23:50: Also wenn ich jemand fragt, alles nochmal machen und all diese Awards bekommen,

00:23:56: weil wir halt Momentum hatten nach dem 7. Oktober, oder nicht,

00:24:00: aber ein ruhiges Leben führen und wissen, dass jüdische Menschen halbwegs eine Zukunft in Deutschland sehen, dann würde ich das Zweite wählen.

00:24:09: Das einzige, was mich aber wirklich, wirklich, wirklich freut an diesen Awards, ist zu sehen, wie meine Familie darauf reagiert.

00:24:16: Weil das für sie natürlich total krass ist und sie es nicht glauben können,

00:24:22: dass jetzt irgendwie ihr Kind das mit 7 nach Deutschland kam und irgendwie an das selbst aufbauen musste.

00:24:32: Und ich habe mich nicht irgendwie auf irgendwelche Privilegien oder Familienkontakte zurückgreifen konnte.

00:24:41: Diese Awards bekommen. Also meine Eltern sind dann immer total peinlich bedürrt.

00:24:46: Also ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll.

00:24:49: Meine Eltern sind halt wirklich so richtig, haben so eine sehr osteuropäische Mentalität, was das angeht.

00:24:54: Man sieht denen dann an, dass sie total emotional sind darüber, aber sie können es nicht zeigen.

00:24:59: Aber genau, das ist natürlich total schön, irgendwie zu sehen, dass meine Eltern das Gefühl haben, okay, she made it.

00:25:07: Und wie krass das das passiert ist und wo kommt das überhaupt her, haben wir das gemacht.

00:25:13: Ja, genau.

00:25:15: Weil du das gerade so kurz erwähnt hast, siehst du für dich denn eine Zukunft in Deutschland?

00:25:21: Ich bin tatsächlich an dem Punkt, wo ich sage, ich brauche Abstand.

00:25:26: Also ich gucke auf jeden Fall gerade in verschiedene Richtungen und die meisten davon im Ausland.

00:25:34: Was gar nicht so sehr irgendwie für mich mit einer bestimmten Überzeugung zusammenhängt.

00:25:42: Also ich meine, wenn es die Überzeugung wird, ich möchte Deutschland jetzt unbedingt verlassen und ich sehe keine Zukunft hier,

00:25:47: dann würde ich wahrscheinlich nach Israel gehen.

00:25:49: Aber gerade das mache ich nicht, sondern ich habe einfach das Gefühl, ich brauche nach den letzten Jahren Abstand von der politischen Arbeit,

00:25:57: von Berlin, von Deutschland, um einfach ein bisschen klarzukommen nach den letzten 15 Monaten.

00:26:05: Wir lockern uns ein bisschen auf und spielen ein kleines Spiel, und zwar unser "Alles auf Zeit" Spiel.

00:26:11: Das heißt, wir haben 90 Sekunden, ich stelle dir so viele Fragen wie möglich

00:26:15: und du versuchst spontan drauf zu antworten.

00:26:19: Gucken wir mal, ich spiele den Jingle ab und dann starte ich meine Stroh.

00:26:24: Ganz schön, knapp, "Alles auf Zeit".

00:26:32: Was hast du immer im Kühlschrank?

00:26:34: Ähm, gar nichts.

00:26:36: Ein Kühlschrank ist die meiste Zeit überlehr.

00:26:40: Das wäre meiner auch, wenn ich nicht jemanden hätte, der öfter zu Hause ist als ich und einkaufen geht.

00:26:46: Es ist wirklich schlimm, ich könnte meinen Kühlschrank einfach abstellen.

00:26:51: Welche Sportart würdest du gerne mal ausprobieren?

00:26:55: Ähm, gar keine.

00:27:00: Ich mag keinen Sport, das ist wirklich, ich muss mich zu Sport immer zwingen,

00:27:07: aber wenn Bungie Jumping zählt, dann würde ich gerne einmal Bungie Jumpen in meinem Leben.

00:27:11: Okay, das zählt.

00:27:13: Wenn du eine berühmte Person zum Essen einladen könntest, wen?

00:27:17: Sorry, mein Mikro ist gerade umgefallen.

00:27:20: Sorry, ja, ich bin wieder hier.

00:27:23: Okay, wenn du eine berühmte Person zum Essen einladen könntest, wen?

00:27:28: Madina Abramowicz.

00:27:31: Eine wirklich kreative Beleidigung.

00:27:34: Moment, Moment, Moment, da habe ich einen kurzen Moment.

00:27:45: Ich habe eigentlich so gute Beleidigung in meinem Kopftag, also immer, aber jetzt schieh ich auf dem Schlauch.

00:27:53: Ach, Scheiße.

00:27:55: Ich gehe einfach mit der Lümmel, das ist nicht kreativ, aber es macht einfach Spaß, die Reaktion für Menschen zu sehen.

00:28:02: Deine größte Schwäche.

00:28:05: Ich kann dich nach Hilfe fragen.

00:28:08: Teile eins, deine Rituale mit uns.

00:28:11: Wenn ich bei meinen Eltern bin, ist so ein kleiner Park, also eigentlich ein kleines Waldstück in der Nähe,

00:28:20: und da ist auch Wasser und dann gehe ich da immer hin und stelle mich an das Wasser und werfe Steine auf das Wasser

00:28:26: und mache das dann so für eine halbe Stunde einfach ohne irgendwas zu sagen oder irgendwie auf sein Lied zu gucken.

00:28:33: Schon geschafft, vielen Dank.

00:28:37: Schaffst du das dann, wenn du da so am Wasser stehst und Steine reinwirst?

00:28:40: Also ist das so wie Meditation, dass du dann auch den Kopf leer bekommst, ja?

00:28:44: Voll.

00:28:45: Und dann irgendwie zu denken, boah, dann habe ich noch eine Podcastaufnahme

00:28:48: oder dann habe ich heute noch dieses und jenes.

00:28:50: Tatsächlich ja, weil ich glaube, es liegt einfach an dem Ort, der ist einfach so schön, also der ist zwar mitten in der Stadt,

00:28:57: aber man hat das Gefühl, man ist komplett nur noch von Natur umgeben.

00:29:02: Und deshalb klappt es da.

00:29:06: Also ich brauche, ich bin wirklich so ein richtiger Naturmensch.

00:29:09: Ich muss in der Natur sein, um meinen Kopf da zu bekommen.

00:29:13: Und deshalb ist es sehr praktisch für mich irgendwie so ein Ort zu haben,

00:29:17: für den ich nicht irgendwie, keine Ahnung, drei Stunden wandern muss,

00:29:21: der aber trotzdem so wirkt, als wäre man drei Stunden dahin gewandert.

00:29:25: Ja, und das Werften ist, ja genau, ist einfach meditativ für mich.

00:29:29: Also tatsächlich schaffe ich es nur an diesem Ort, mein Kopf da zu bekommen.

00:29:32: Anders als andere funktioniert nichts.

00:29:34: Ich habe mal tatsächlich für eine Fernsehproduktion weich bei einer Hypnose-Therapeutin,

00:29:40: um die Höhenangst zu bewältigen.

00:29:42: Und hier hat mit mir eine Übung gemacht, dass ich im Kopf an einen Ort gehe,

00:29:46: an dem ich mich sehr wohl und ruhig gefühlt habe.

00:29:49: Das war bei mir auch die Natur, es war so ein krasser Strand in Kanada,

00:29:52: wo keine Menschen waren und so.

00:29:54: Und das hat mir so geholfen, diese Übung habe ich jetzt immer im Kopf,

00:29:57: wenn ich irgendwo super nervös bin oder auch wütend oder so und mich so runterfahren will,

00:30:02: dann mache ich immer diese Übung mit dem Ort.

00:30:04: Also ist das quasi dein Ort für dich.

00:30:07: Ja, genau, das Blöde ist halt da, wo meine Eltern wohnen.

00:30:13: Das heißt, in Berlin habe ich einen Ort nicht.

00:30:15: Das heißt, immer wenn ich in Berlin bin, bin ich nicht so entspannt.

00:30:20: Aber ich bin glaube ich auch einfach allgemein so ein Kleinstadt.

00:30:26: Ich bin jetzt alt genug, um mir das einzugestehen.

00:30:28: Ich bin einfach ein Kleinstadt-Girl.

00:30:30: So, ich mag es einfach lieber in der Kleinstadt zu leben.

00:30:33: Kurze Werbeunterbrechungen eigener Sache.

00:30:36: Mit Veto geben wir Activismus eine mediale Bühne.

00:30:39: Wir erzählen von denen, die aufstehen und ihre Stimme erheben.

00:30:43: Was sie wollen, was sie antreibt,

00:30:45: das lest ihr jede Woche neu auf veto-magazin.de.

00:30:49: Wir machen weiter im Gespräch und wir kommen mal zum aktuellen Diskurs

00:30:58: und auch deiner Rolle als jüdischer Aktivistin.

00:31:01: Du hast gesagt, du hattest in den letzten 15 Monaten Counts-Hite für Themen.

00:31:06: die dich zusätzlich interessieren oder für die du dich viel engagiert hast.

00:31:10: Wie würdest du sagen, hat sich deine Rolle und auch deine Arbeit seit dem 7.

00:31:14: Oktober 2023 verändert?

00:31:18: Wenn ich versuche, diese Frage zu beantworten, muss ich glaube ich immer so

00:31:23: erklären, wie junges jüdisches Leben vor dem 7. Oktober ausgesehen hat.

00:31:27: Vor allem, wenn wir nochmal ein paar Jahre zurückgehen.

00:31:29: Ich erinnere mich, als ich so 19, 20 war und zum ersten Mal irgendwie

00:31:35: mit der JSD Berührungspunkte hatte und danach später, als ich aktiv wurde,

00:31:42: es gab so eine Aufbruchsstimmung, so ein Verständnis von uns selbst als

00:31:48: junge Juden und Jüdinnen in Deutschland, aber auch von der Organisation.

00:31:53: Als Organisation, die klar sagt, wir sind hierum zu bleiben.

00:31:59: Wir haben unsere Koffer ausgepackt.

00:32:02: Wir sind selbstbestimmter Teil dieser Gesellschaft.

00:32:05: Wir werden dafür kämpfen, dieser selbstbestimmte Teil zu sein.

00:32:08: Nicht nur für uns, sondern auch für andere.

00:32:10: Also nur, weil wir jüdisch sind, bedeutet das nicht, dass wir nur

00:32:14: über Antisemitismus sprechen werden, sondern wir werden über alles sprechen,

00:32:19: was unsere Demokratie und Gerechtigkeit und Gleichberechtigung in diesem Land bedroht.

00:32:25: Und aus jüdischen Personen sind wir auch von ganz vielen anderen Dingen

00:32:29: in diesem Land betroffen.

00:32:32: Und das war irgendwie so dieser Zeitgeist, in dem wir gelebt haben damals.

00:32:37: Und das war auch so mein Mindset, mit dem ich in die Präsidentschaft gegangen bin.

00:32:42: Das war genau das, was ich irgendwie

00:32:44: vermitteln wollte, obwohl natürlich lange vor dem 7.

00:32:47: Oktober Antisemitismus für uns omnipräsent war, obwohl wir natürlich damit

00:32:51: aufgewachsen sind und sozialisiert sind zu unserer Einrichtungen, sei es

00:32:54: Synagogen, sei es Schulen, jüdische Kindergärten und so weiter, auch Polizeischutz angewiesen sind.

00:33:00: Und dann kam der 7. Oktober und der 7. Oktober hat wirklich alles verändert.

00:33:06: Ich beschleibe das immer als Flugmonus.

00:33:08: Wenn du im Flugzeug sitzt und die Masken runterfallen,

00:33:12: dann musst du sie erst dir selbst aufsetzen, bevor du der Person neben dir helfst.

00:33:15: Und das ist plötzlich die Situation gewesen, in der wir uns befanden,

00:33:20: dass wir einfach von einem Tsunami von Antisemitismus eingeholt wurden,

00:33:24: bei dem selbst jemand, wie ich nicht gedacht hätte, dass das möglich ist in Deutschland.

00:33:30: Und ich habe mich immer mit Antisemitismus beschäftigt und ich habe nie gesagt,

00:33:33: Antisemitismus in Deutschland ist nicht so schlimm.

00:33:35: Ich habe Antisemitismus wirklich ständig, lange vor dem 7.

00:33:39: Oktober, geoutcalled und outcalled müssen.

00:33:43: Also ich hatte schon sehr einen Blick dafür und war da, glaube ich, sehr realistisch.

00:33:48: Und trotzdem habe ich nicht gedacht, dass das passieren kann.

00:33:52: Und ich erinnere mich auch noch, wie

00:33:58: das wir seit dem 7. Oktober

00:34:01: also die ersten Monate wirklich in der Patelierwelt gelebt haben,

00:34:05: während irgendwie um uns herum alles weitergegen und

00:34:09: Menschen ganz normal in die Uni gegangen sind und unsere Freunde einfach weiter gemacht haben.

00:34:14: Wie bisher waren wir wie patalisiert?

00:34:17: Wir haben trotzdem durch diese Patalysen weitergemacht.

00:34:19: Aber trotzdem konnten wir nicht, wir konnten nicht trauern.

00:34:23: Wir wussten nicht, wohin mit uns dann

00:34:24: gefühlen und Gedanken wir hatten keine Sprache dafür.

00:34:27: Sehr viele von uns hatten keine Sprache dafür, überhaupt erklären zu können,

00:34:30: was gerade passiert und wie es uns fühlen lässt.

00:34:34: Und dann der Solidaritätsentzug, der uns extrem schnell einholte, zu sehen,

00:34:40: wie Menschen in Deutschland das Massaka gefeiert haben,

00:34:44: gerechtfertigt haben, wie feministische Organisationen,

00:34:47: die Massenvergewaltigung an israelischen Frauen gerechtfertigt haben.

00:34:51: Also das alles hat uns wirklich,

00:34:54: einerseits, denke ich, hat das unsere Arbeit um Jahrzehnte zurückversetzt,

00:35:01: weil wir ja früher schon an dem Punkt waren, wo wir gesagt haben,

00:35:04: wir müssen uns auf uns konzentrieren, wir wissen nicht,

00:35:06: wie wir vertrauen können und so weiter.

00:35:08: Also dieses universalistische, wir sind Teil dieser Gesellschaft,

00:35:11: ist etwas, das sich erst entwickelt hatte.

00:35:15: Und auch dieses, wir wollen jüdisches Leben sichtbar machen.

00:35:18: Es ging sehr viel darum, jüdisches Leben sichtbar zu machen.

00:35:20: Und plötzlich waren wir wieder an dem Punkt, wo es darum ging,

00:35:24: jüdisches Leben sicherer zu machen, indem wir es weniger sichtbar machen,

00:35:28: weil es einfach aus Sicherheitsgründen anders nicht ging.

00:35:31: Und nicht mehr dieses universalistische Ja,

00:35:34: aber wir sind alle, alle Menschen und Teil dieser Gesellschaft,

00:35:38: sondern unser Standpunkt wurde zu, ja, sind wir, aber.

00:35:45: Wir erleben gerade wahrscheinlich die schwiedigste Zeit unseres Lebens

00:35:49: und keinen Interessiertes.

00:35:50: Und wen juckt eigentlich das Medizismus eigentlich noch?

00:35:53: Also all diese Fragen, die plötzlich im Daumen waren,

00:35:55: auf die keiner von uns vorbereitet war,

00:35:58: auch eine vollkommene Unvoll ...

00:36:00: Also nicht, wie nennt man das, auch das vollkommene Unvorbereitetsein

00:36:06: der Politik oder der Behörden.

00:36:09: Wir haben mit so vielen Menschen in

00:36:10: Verantwortungspositionen gesprochen, seitdem die wirklich keine Ahnung haben.

00:36:14: Von Antisemitismus.

00:36:16: Den wir als Vollzeitärtenamtliche irgendwie dann die Basics des

00:36:21: Antisemitismus erklären mussten und so weiter.

00:36:25: Also es war mit dem 7. Oktober ist wirklich so ne neue Zeitrechnung

00:36:28: angebrochen.

00:36:30: Und ich glaube, dass jeder von uns sich wünscht, dass sie es nicht weht,

00:36:33: aber wir sind trotzdem da, wo wir sind.

00:36:36: Hast du Angst davor, abzustumpfen auf ne Art?

00:36:40: Auf jeden Fall, ich glaube, ich bin extrem abgestumpft

00:36:44: über das vergangene Jahr.

00:36:46: Ich glaube, viele weitere sind es auch.

00:36:50: Ich glaube, dass viele, wenn es um Empathie geht,

00:36:57: wenn es um Mitfühlen für andere geht,

00:37:01: das ne Zeit lang einfach nicht im Stande waren zu fühlen.

00:37:05: Weil der eigene Schmerz so, so groß war und so viel Raumeinnahmen.

00:37:13: Ich habe das auch immer wieder gemerkt an so Hasskommentaren und

00:37:16: Hassnachdichten.

00:37:17: Die ersten acht, neun, zehn Monate irgendwie so was.

00:37:23: Habe ich Hassnachdicht, also bis heute bekomme ich sie täglich.

00:37:27: Und es sind eklige Sachen dabei, es sind Morddungen dabei, alles Mögliche.

00:37:31: Und ich war im Stande, das wirklich einfach von mir wegzuschieben.

00:37:35: Also ich habe auf mein Handy geguckt, 20 neue Beleidigungen,

00:37:38: habe mein Handy wieder weggelegt und habe weitergemacht.

00:37:40: Und das jeden Tag.

00:37:43: Und ich hatte wie so eine Mauer mich herum.

00:37:45: Das hat mich gar nicht, was einerseits natürlich total gut ist.

00:37:49: Es hat mich überhaupt nicht für so zehn Monate oder so, hat es mich überhaupt

00:37:52: nicht mitgenommen.

00:37:54: Es hat mich nicht abgeholt.

00:37:55: Ich konnte das vollkommen von mir trennen.

00:37:56: Ich konnte mir im Kopf sagen, es hat nichts mit mir zu tun.

00:37:59: Das ist deren Problem.

00:38:01: Und das hat funktioniert.

00:38:02: Aber nach ungefähr zehn Monaten hat das nicht mehr funktioniert.

00:38:06: Und diese ganzen Hassnachdichten und Hasswellen, die er weitergehen,

00:38:10: sind über mich ...

00:38:13: Ich hab mich wie eingenommen.

00:38:15: Also es wäre ich in so einer Welle von Hass plötzlich untergetaucht.

00:38:21: Und seitdem habe ich einen viel ...

00:38:23: Seitdem fällt es mir viel, viel schwieriger damit umzugehen,

00:38:27: diese Hasskommentare zu bekommen.

00:38:29: Ich kann sie immer noch teilweise gut wegschieben.

00:38:31: Aber manchmal, je nachdem, wenn es wieder ein Shitstorm gibt,

00:38:33: dann kann ich halt tagelang nichts machen,

00:38:35: außer auf mein Handy zu starren, diese Nachrichten zu lesen.

00:38:39: Und da muss man auch sagen, mit solchen Dingen sind Jüden und Juden,

00:38:42: ich bin ja bei weitem nicht die Einzige,

00:38:44: mit solchen Dingen sind Jüden und Juden vollkommen auf sich alleine gestellt.

00:38:47: Das versteht keiner.

00:38:50: Es gibt natürlich Organisationen, bei denen man sich Hilfe holen kann

00:38:55: und sich Hilfe holen sollte, wie Off-Ace, Hate-Age, ganz viele weitere.

00:39:02: Aber selbst mit allen Sachen, die man dann anwendet

00:39:06: und irgendwie Filter und Handyzeiten und so was,

00:39:12: muss man irgendwie damit klarkommen.

00:39:13: Also am Ende des Tages kann es halt keiner für dich tragen.

00:39:17: Kann es dir keiner, kann es keiner für dich übernehmen.

00:39:20: Und keiner weiß, wie es sich anfühlt,

00:39:22: wenn man irgendwie Tausende von Hassnachrichten an einem Tag bekommt.

00:39:28: Und ich glaube, es hat viele Jüden und Juden auch einfach so ein bisschen

00:39:33: von dem Destergesellschaft abdrücken lassen.

00:39:38: Weil dieses Gefühl von ihr habt keine Ahnung, wie es uns gerade geht.

00:39:42: So groß war.

00:39:45: Du hast ja Ende Januar auch ein Instagram-Post veröffentlicht,

00:39:49: indem du eine große Frustration der jüdischen Gemeinschaft mit dem linken

00:39:52: Spektrum in Deutschland thematisiert und beschreibst es viele Juden und Juden

00:39:56: in Deutschland seitdem ein Stück nach rechts gerückt sein.

00:39:59: Kannst du das ein bisschen weiter ausfinden und auch dieses Gefühl der

00:40:02: fehlenden politischen Heimat oder das ausgeschlossen seins genauer beschreiben?

00:40:06: Klar.

00:40:07: Ich weiß nicht, ob das so gut formuliert war mit

00:40:10: Jüdern und Juden sind nach rechts gedrückt.

00:40:12: Ich glaube, die richtige Formulierung wäre eher gewesen.

00:40:16: Jüdern und Juden wurden von linken weggedrückt.

00:40:22: Wir haben in den vergangenen Monaten, ich meine,

00:40:26: das ist auch kein Problem, dass erst mit dem 7.

00:40:29: Oktober offensichtlich geworden ist,

00:40:31: das ist ein Problem bestand natürlich auch davor schon.

00:40:34: Aber mit dem 7. Oktober wurde es einfach zunehmend unerträglich.

00:40:38: Viele Jüder und Juden haben in linken

00:40:40: Strukturen einfach keinen Platz mehr, weil jüdische Perspektiven entweder

00:40:45: im besten Fall unsichtbar gemacht werden oder viele linke Strukturen

00:40:49: oft antisymmetisch sind, den 7.

00:40:52: Oktober ist das Widerstand zu zelebrieren oder

00:40:55: den 7. Oktober rechtfertigen, legitimieren

00:41:00: auf verschiedene Art und Weise.

00:41:02: Und das bedeutet natürlich ein krassen Verlust politischer Heimat, die wie

00:41:08: gesagt für sehr viele Jüdern und Juden vor dem 7.

00:41:11: Oktober auch nie ein festes, fester Ort war.

00:41:15: Aber gerade seit dem 7. Oktober sprechen

00:41:18: mit sehr, sehr vielen Menschen, die früher definitiv grün und

00:41:24: SPD oder Linke gewählt hätten, die heute nicht wissen, wen sie wählen sollen,

00:41:29: weil es natürlich immer noch nicht für sie nicht in Frage kommt, CDU zu wählen

00:41:34: oder also AfD sowieso nicht.

00:41:36: Jüdische Menschen in Deutschland, jüdische Institutionen darauf bin ich sehr stolz

00:41:41: sind, was die AfD angeht, total stabil.

00:41:45: Das ist ein Unterschied zu vielen anderen Ländern,

00:41:49: in denen Jüdern und Juden in Teilen auch rechte Parteien wählen.

00:41:53: In Deutschland ist klar, es kann keine Art

00:41:56: und Zusammenarbeit mit der AfD geben.

00:41:58: Die AfD wird Jüdern und Juden nicht beschützen.

00:42:01: Genau. Aber diese Menschen, um auf die Menschen zurückzukommen,

00:42:05: viele Menschen sind lost und wissen nicht, wen sie wählen sollen.

00:42:07: Sie werden natürlich trotzdem jemanden wählen, aber nicht aus 100%

00:42:11: Überzeugung und nicht, weil sie glauben, das sind wirklich,

00:42:15: das ist wirklich jemand, der uns

00:42:17: vertreten und dafür sorgen kann, dass jüdisches Leben in Deutschland sicherer ist.

00:42:24: Es gibt natürlich auch viele Jüdinnen und Juden in Deutschland, die schon immer

00:42:27: CDU gewählt haben oder die jetzt neue CDU wählen werden.

00:42:30: Also es ist einfach viel,

00:42:33: um zu sagen, nicht alle Jüdinnen und Juden in Deutschland sind prokresiv und links.

00:42:37: Es gibt auch konservative Jüdinnen und Juden.

00:42:39: Klar. Aber gerade die, die prokresiv sind, viele sind einfach lost.

00:42:44: So, weil wen soll man wählen?

00:42:47: Würdest du sagen, du hast die Deutsche Linke ein Stück weit aufgegeben?

00:42:51: Ja, ich habe die Deutsche Linke auf jeden Fall aufgegeben.

00:42:55: Aber ich weiß auch nicht, ob

00:42:59: ich denke, ich bin auch ein spezieller Fall.

00:43:01: Also ich bin sehr öffentlich, bin sehr offen mit meinen Positionen.

00:43:06: Ich weiß, dass ich an dem Punkt bin, an dem ich auch einfach nach den letzten

00:43:10: Monaten Abstand brauche. Also es ist kein

00:43:13: definitiv, also kein, kein Aufgeben bis ans Ende der Zeit, sondern jetzt gerade

00:43:19: habe ich es aufgegeben.

00:43:21: Vielleicht kommt es noch mal zurück, vielleicht versuche ich es noch mal ein paar

00:43:25: Jahren in linken Strukturen aktiv zu werden.

00:43:28: I don't know.

00:43:30: Aber stand jetzt habe ich nicht das Gefühl, dass

00:43:33: linke Strukturen in Deutschland mehrheitlich, ich will auch überhaupt nicht

00:43:36: alle über einen Kamm scheren. Es gibt stabile Linke.

00:43:38: Es gibt stabile linke Strukturen.

00:43:40: Sie sind nur wahnsinnig unterdepräsentiert und extrem bedroht.

00:43:44: Das dürfen wir auch nicht vergessen.

00:43:45: Die Linken, die in Deutschland offen israel solidarisch sind,

00:43:49: oder antisemitismuskritisch befinden sich fast schon in der selben Bedrohungslage

00:43:54: wie Jüdinnen tun.

00:43:55: Und das ist natürlich auch ein krasses

00:43:58: Hamutszeugnis für linke Strukturen, dass das passieren kann.

00:44:03: Genau. Also es gibt auf jeden Fall Allys, es gibt Verbündete, aber so als Ganzes

00:44:08: habe ich das erst mal aufgegeben, Braucheabstand.

00:44:13: Und mal sehen, wie es sich entwickelt.

00:44:16: Meinst du, es gibt ein Weg, dass

00:44:18: progressive Kräfte wieder enger zusammenrücken können?

00:44:22: Das ist eine gute Frage.

00:44:28: Ich hoffe, dass es einen Weg gibt.

00:44:30: Aber die Frage ist auch, was definiert man als progressive Kraft?

00:44:35: Also ich glaube, da werden wir da fangen die Probleme an.

00:44:40: So, weil es leider viele Menschen in diesem Land gibt, die es als progressiv

00:44:45: verlinieren, die Vernichtung eines Staates und damit eines Volkes zu fordern.

00:44:50: Das ist kein progressiver Weg.

00:44:52: Es wird auch in Teilen als progressiv verstanden,

00:44:57: sogenannten bewaffneten Widerstand in Form von islamistischem Terror zu leisten.

00:45:01: Auch daran ist nichts progressiv.

00:45:04: Terrororganisationen, die Frauen, LGBTQIA Personen,

00:45:10: Minderheiten, politische Andersdenkende, jeglicher Rechte berauben wollen und

00:45:16: sie im schlimmsten Fall hinrichten, sind alles andere als progressiv.

00:45:20: Und trotzdem werden sie von Menschen, die sich selber als links und

00:45:23: progressiv verordnen, unterstützt.

00:45:26: Solange das der Fall ist, glaube ich nicht, dass progressive Kräfte dieses Landes

00:45:30: zusammenrücken können, weil Menschen, die in Wirklichkeit

00:45:33: eher Verschistuit denken, sich gerade als progressiv verorten.

00:45:39: Und das wird uns auf Dauer nirgendwo hinbringen, wo es gut ist.

00:45:46: Wir wollen jetzt von dir wissen, was ein ganz besonders ermutigender Moment in deinem

00:45:52: Leben war. Das ist unser zweites Spiel.

00:45:54: Das kann auch etwas sein, was jemand anderem geschehen ist,

00:45:58: dich aber auf besondere Art berührt hat oder etwas, das dich zum Nachdenken

00:46:02: angeregt hat, dir Hoffnung gemacht hat.

00:46:04: Das ist sozusagen dein Veto-Moment, von dem du uns erzählen kannst.

00:46:09: Nachdem ich den Jingle abgespielt habe.

00:46:11: * Musik *

00:46:13: Boah, ganz schön,

00:46:15: mutig.

00:46:17: Dein Veto-Moment.

00:46:20: * Schrei *

00:46:22: Ich habe direkt einen Moment, der mir

00:46:25: einfällt, der genau in die Schiene passt.

00:46:28: Ich merke einfach immer wieder in meiner Arbeit mit der J.O.T.S.U.D.e.

00:46:32: wie viel...

00:46:34: Ich weiß nicht, ob ich es Macht nennen möchte.

00:46:37: Macht ist für mich das falsche Wort, aber ich nenn es jetzt trotzdem Macht.

00:46:42: Wie viel Einfluss man auf das Leben jungen Jüdern und Juden haben kann.

00:46:46: Wie sehr man eigentlich wirklich als kleine Organisation das Leben von so vielen

00:46:52: Menschen prägen und zum Besten verändern kann.

00:46:56: Momente, die mir das zeigen, einer dieser Momente war ich werde es nie vergessen.

00:47:00: Letztes Jahr haben wir eine Reise ins Baltikum gemacht.

00:47:04: Wir waren in Vilnius County aus dem Krieger, haben 20 junge Jüdern und Juden,

00:47:08: die alle irgendwie aktiv sind in Regioverbänden, in ihren Gemeinden bei der J.O.T.S.U.D.

00:47:13: auf diese Bildungsreise mitgenommen, um über post-Sovietische

00:47:17: jüdische Identitäten zu sprechen, um uns anzugucken.

00:47:20: Wir haben Jüdern und Juden im Baltikum gelebt und vor allem,

00:47:23: wie haben sie in der Zeit von verschiedenen Regimen, also erst

00:47:27: Sowjetunion, dann die Nazis, dann wieder Sowjetunion.

00:47:30: Was hat das mit jüdischem Leben gemacht?

00:47:32: Es gibt viele sehr spannende, teilweise auch sehr kontroverse historische Fragen.

00:47:37: Und das war eine Idee, die hat sich irgendwann mal total random, dass ich mir dachte,

00:47:42: hey, lass uns doch diese Reise ins Baltikum machen.

00:47:45: Und dann sprechen wir über das und das und das.

00:47:48: Und wir haben sie im Januar gemacht.

00:47:50: Es hat Minus gerade, es ist alles total verschneit.

00:47:53: Und wir sitzen im Flugzeug, sind kurz vor Take-off und ich gucke mich rum.

00:47:58: Und ich sehe diese Menschen alle total unterschiedlich.

00:48:00: Manche habe ich noch nie gesehen, manche kenne ich seit Jahren aus ganz

00:48:03: unterschiedlichen Kontexten und ich sehe diese Menschen um mich rum.

00:48:06: Und ich mir so, krass, das habe ich gemacht.

00:48:11: Wegen irgendwie einer dummen Idee, die ich mal hatte, sitzen jetzt 20 Leute

00:48:16: im Januar im Flieger, um ins Unbekannte zu fliegen und haben keine Ahnung, was sie erwartet.

00:48:21: Und das ist einfach so ein krasses Gefühl, was mir auch, wo ich dann

00:48:28: suche, immer wieder zurückzudenken, dass das, was unsere Aufgabe ist, dass es das

00:48:33: wieso jüdendere Juden Verantwortung übernehmen, weil wir wirklich die Möglichkeit haben,

00:48:39: das Leben von anderen positiv zu beeinflussen.

00:48:42: Und es ist ein unglaubliches Privileg.

00:48:45: Mir geht es ja ähnlich mit einem anderen Projekt, mit dem Edamagazin.

00:48:48: Edamagazin, das ist das Magazin der

00:48:51: jüdischen Studierenden Union Deutschlands, war irgendwann eine dumme Idee, die ich

00:48:56: irgendwie um zwei, drei Uhr nachts auf irgendeiner Party hatte.

00:48:58: Sie mir dachten, hey, wir machen ein Magazin und nennen es Edam.

00:49:02: Und ungefähr ein Jahr später hatten wir einen hervorragenden Chef-Dedaktor

00:49:07: gefunden, der gesagt hat, yes, ich setze das alles um.

00:49:10: Jetzt haben wir irgendwie 40 Mitglieder in der

00:49:13: Redaktion, die mit unterschiedlichen Talenten kommen, die mit unterschiedlichen

00:49:17: Interessen kommen. Also es ist wirklich eine Plattform, die Menschen zusammenbringt

00:49:22: und ihnen eine Möglichkeit gibt, ihre eigenen Geschichten mit einer selbstbewussten

00:49:26: jüdischen Stimme zu erzählen.

00:49:28: Genau das, was uns die Medienlandschaft in Deutschland viel zu häufig eben nicht

00:49:32: erlaubt. Und das ist eine unglaubliche Bereicherung für jüdisches Leben in

00:49:37: Deutschland und für dieses Land.

00:49:39: Und das ist einfach aus einer Idee entstanden.

00:49:40: Also ich glaube wirklich, dass das Momente sind, die zeigen, es ist nicht so

00:49:44: unmöglich. Egal, welche verdückte Idee man hat, sie könnte in dem Jahr Realität

00:49:49: sein und Einfluss auf das Leben von Menschen haben.

00:49:52: Und ja, das tut mir leid.

00:49:55: So, also

00:49:57: daran muss ich immer wieder denken, wenn es gerade ganz schlimm ist und ich nicht

00:50:01: mehr klar komme und alles zu viel ist, sind das die Momente, in die ich zurückdenken muss.

00:50:06: Das ist ein sehr schöner Vito-Moment.

00:50:08: Vielen Dank.

00:50:10: Wir haben jetzt ganz viel über dein Verhältnis zu progressiven Kräften gesprochen.

00:50:13: Ja.

00:50:14: Wie bewertest du denn den Umgang der großen deutschen Parteien mit Antisemitismus und

00:50:18: starken Zunahme auch an antisemitischen Straftaten?

00:50:22: Ich finde, dass der Umgang

00:50:27: der eigentlich aller Parteien im deutschen Bundestag mit Antisemitismus eine Sache

00:50:33: sehr, sehr deutlich zeigt.

00:50:35: Also vielleicht, ich glaube, ich habe schon das Bedürfnis, das noch mal davor richtig

00:50:40: klar zu benennen, die AfD versucht seit ihrer Gründung jüdische Ängste

00:50:47: und jüdische Lebensrealitäten zu instrumentalisieren, um eine eigene

00:50:51: rassistische Agenda durchzusetzen.

00:50:54: Die AfD versucht sich die ganze Zeit als die einzige Rettung von Jüternen und Juden

00:51:01: aufzuspielen und darzustellen.

00:51:03: Und wir müssen und das machen wir auch immer und immer wieder, aber wir müssen immer

00:51:08: und immer und immer wieder wiederholen, dass die AfD alles andere als eine

00:51:12: jütenfreundliche Partei ist, alles andere als eine sogenannte Rettung für Jüternen

00:51:17: und Juden in Deutschland darstellt und jegliche Zusammenarbeit mit einer

00:51:20: faschistischen Partei ausgeschlossen ist.

00:51:24: Wenn wir uns die anderen Parteien angucken, beobachte ich einen Phänomen,

00:51:28: dass mir wirklich Schwierigkeiten macht.

00:51:31: Ich glaube, das Problem, das wirklich alle Parteien haben, ist, dass sie nicht im

00:51:36: Stande sind, Antisemitismus, der in ihren eigenen Reihen passiert und der blinde

00:51:42: Flecke in den eigenen Reihen darstellt, zu bekämpfen.

00:51:47: Das bedeutet, es wird eigentlich die ganze Zeit nur mit dem Finger aufeinander gezeigt,

00:51:52: nur gesagt, na ja, die sind das Problem, wieso es Antisemitismus in Deutschland noch gibt.

00:51:58: Und Antisemitismen aus unterschiedlichen Richtungen werden nicht alle klauen

00:52:02: deutlich benannt.

00:52:04: Und das ist

00:52:06: ein Problem, das uns dazu führt, dass so lange diese demokratischen Parteien nicht

00:52:11: zusammenkommen, Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Problem verstehen,

00:52:15: dass sie alle betrifft, dass die Mitte betrifft und nicht nur die politischen Ränder.

00:52:20: Solange das der Fall ist, werden wir in der Bekämpfung des Antisemitismus auch nicht

00:52:24: weiterkommen. Also man sieht es immer wieder an unterschiedlichen Resolutionen.

00:52:27: Man sieht es immer wieder im Umgang mit Antisemitismus-Kandalen in den eigenen Reihen.

00:52:32: Sie werden einfach nicht so konsequent benannt.

00:52:35: Es wird nicht konsequent gehandelt, wie es sein muss.

00:52:38: Und das konsequente Handeln ist auch ein Punkt, der bei allen Parteien am Ende des

00:52:43: Tages zu kurz kommt.

00:52:44: Wir hören seit Jahrzehnten dieselben Reden und dieselben Floskeln, wenn es um

00:52:50: Antisemitismus geht, wir sehen dieselbe Symbolpolitik.

00:52:53: Wenn es darum geht, wirklich zu handeln,

00:52:55: dann mangelt es an genau diesem Handeln.

00:52:58: Und dann ist es natürlich auch unterschiedlich, je nach politischer

00:53:00: Ausrichtung es gibt Parteien, die dann bei einer Form des Antisemitismus

00:53:03: handeln und Gesetze einbringen und andere Parteien fokussieren sich dann auch eine

00:53:07: andere Form des Antisemitismus.

00:53:09: Wir müssen aber gegen alle Formen des Antisemitismus gleichermaßen vorgehen.

00:53:12: Und das sich in der politischen Landschaft in Deutschland aktuell nicht passieren.

00:53:17: Mein Eindruck ist immer, gerade wenn was du sagst, so mit den Floskeln und immer

00:53:21: gleichen Reden, dass wenn es in der Parteipolitik um Antisemitismus geht,

00:53:26: dass es dann immer nur so an Gedenktagen groß thematisiert wird und immer nur im

00:53:30: Zusammenhang mit dem Holocaust und nie mit einer Gegenwart von Jüdinnen und Juden

00:53:35: sehe ich das falsch oder empfindest du das auch so?

00:53:37: Ich empfinde das auf jeden Fall genauso.

00:53:40: Es wird nur dann über Jüdinnen und Juden gesprochen, wenn es politischer

00:53:43: Opportunist, wenn es gerade irgendwie eine

00:53:48: Möglichkeit gibt, die eigene

00:53:52: die eigenen Position, die eigene Agenda vorzuschieben.

00:53:56: Also jüdische Belange werden eigentlich immer

00:53:58: instrumentalisiert, sei es für Wahlkampf, sei es um sich auf eine bestimmte Art und

00:54:03: Weise darzustellen an Gedenktagen, um eine bestimmte

00:54:08: Selbstbild von diesem Land auch zu vermitteln.

00:54:11: Also eine bestimmte Betroffenheit zu inszenieren.

00:54:14: Genau und auch zu zeigen, hey, wir haben nichts mit unserer Geschichte zu tun.

00:54:17: Wir haben daraus gelernt, wir können heute wieder stolzer von

00:54:20: unser Land sein und deswegen lasst uns doch noch mal eine rassistische

00:54:23: Resolution einbringen.

00:54:25: So. Also die Art und Weise, wie dem Holocaust in Deutschland gedenkt wird,

00:54:29: hat sehr, sehr viel mehr mit Deutschen in Deutschland als mit Juden in Deutschland zu tun.

00:54:35: Und häufig findet dieses Gedenken ja auch nicht für die jüdische Gemeinschaft

00:54:39: statt, sondern für die die Bio-Deutschen in diesem Land, die

00:54:44: performativ aufzeigen wollen, wie betroffen sie sind.

00:54:47: Und ich will überhaupt nicht allen unterstellen, dass das nicht stimmt.

00:54:50: Ich glaube fest daran, dass es viele Menschen gibt, denen das wichtig ist.

00:54:54: Ja, ich glaube, dass es viele Abgeordnete gibt, dass es viele Politiker und Politiker

00:54:59: innen gibt, denen wirklich viel daran gelegen ist, Antisemitismus zu bekämpfen.

00:55:04: Aber das, was ich sehe, ist eben auch ein gesammter Trend.

00:55:07: Und ich glaube auch, dass vor allem in Zeiten des Wahlkampfs diese Betroffenheit

00:55:12: einfach in den Hintergrund drücken muss, weil das ist, wie Politik funktioniert.

00:55:17: Und das finde ich sehr bedauerlich.

00:55:21: Könnest du dir selber vorstellen, irgendwann in die parlamentarische Politik zu gehen?

00:55:25: Auf keinen Fall.

00:55:28: Ich werde ständig gefragt, ob ich

00:55:33: die JOTUS-UD quasi als Springenbrett dafür funktioniere.

00:55:37: Ich bin bei weitem nicht die einzige, die das gefragt wird.

00:55:39: Man geht irgendwie immer wieder bei

00:55:42: Leuten, die bei uns im Vorstand sind, davon aus, dass das bedeutet, dass sie danach

00:55:47: in der Politik weitermachen.

00:55:49: Ich kann mir Politik nicht vorstellen, weil ich eigentlich schon immer sage,

00:55:56: also auch in meiner Arbeit mit der JOTUS-UD, ich bin

00:55:59: mit der sozialen Arbeit, ich habe einen zweiten Bachelor angefangen.

00:56:02: Und ich sehe mich eigentlich schon immer mehr als eine

00:56:05: Sozialarbeiterin in dem, was ich mache, als eine Politikerin, weil ich das Gefühl habe.

00:56:09: Und auch da, ich möchte jetzt nicht irgendwie mich inszenieren,

00:56:12: superbescheiden und was weiß ich was, aber mich interessiert es, wie es Menschen geht.

00:56:20: Mich interessiert es, was die

00:56:22: Lebensstallitäten und Lebensumstände von Menschen sind.

00:56:26: Und ich habe das Gefühl, dass je weiter man politisch aufsteigt,

00:56:30: man sich desto mehr von diesen Realitäten entfernt.

00:56:34: Gar nicht, weil ich allen Politikern und Politikerinnen unterstellen möchte, dass

00:56:38: sie Opportunisten sind und sich nur für ihre politische Kaligriere interessieren.

00:56:42: Es gibt genug von ihnen.

00:56:44: Aber das sind bestimmt nicht alle.

00:56:47: Aber ich glaube einfach, dass die Art und Weise, wie das politische Berlin funktioniert,

00:56:51: dass die Art und Weise, wie das politische Tagesgeschäft läuft, ich einfach dazu

00:56:55: nicht unbedingt die Interessen von Menschen zu übergehen, um eigene politische

00:57:00: Agenda zu bevorzugen und sie voranbringen zu können.

00:57:05: Und das ist etwas, was ich mir nicht vorstellen kann für mich selber.

00:57:09: So abschließend, wenn du jetzt noch einen Monat dieses Amtinner hast,

00:57:12: weißt du schon, wie es für dich weitergeht danach?

00:57:15: Ich hoffe erst mal diesen Monat überleben zu können, weil ich nicht damit gerechnet

00:57:23: habe, dass ich noch in meiner Amtszeit die Bundestagswahlen reinzukriegen.

00:57:28: Stimmt.

00:57:29: Genau, deswegen wird dieser Monat, glaube ich, noch mal sehr turbulent,

00:57:33: auch mit allem, was in Deutschland gerade passiert.

00:57:35: Ich hoffe, ich werde meine Präsidentschaft verlassen, während Deutschland

00:57:38: immer noch ein demokratisches Land ist.

00:57:40: Hoffe ich für uns alle.

00:57:43: Ich denke, dass ich erst mal eine Pause machen muss.

00:57:47: Ich muss auch aus gesundheitlichen Gründen auf jeden Fall eine Pause machen.

00:57:52: Und dann habe ich so ein paar Projekte und Ideen, auf die ich mich gerne konzentrieren

00:57:56: wollen würde, aber das ist alles noch ein bisschen abstrakt.

00:57:59: Also.

00:58:00: Bald mehr, aber aktuell erst mal Abstand, Pause, Ruhe,

00:58:08: all die Stimmen in meinem Kopf abschalten.

00:58:11: Eine Idee, die bei mir vorhin aufgekloppt ist, war eine Biografie über deine

00:58:16: Großmutter als Buch. Ich würde es lesen.

00:58:18: Also, irgendwann Zeit und Bock hast du das zu schreiben?

00:58:22: Voll.

00:58:24: Ich lese es gerne.

00:58:25: Also, du darfst jetzt zum Schluss noch mal eine Werbeanzeige machen.

00:58:28: Und zwar spiele ich gleich unseren Jingle-Up und dann darfst du auf

00:58:31: Initiativen, Personen, Bücher, Projekte, Podcast, Filme, was auch immer.

00:58:35: Hinweisen, wir verlinken das natürlich immer alles in unseren

00:58:39: Show Notes, auch mit dem schönen Hinweis für tolle Institutionen

00:58:43: zu spenden, wenn ihr das könnt.

00:58:46: Ich spiele den Jingle-Up und dann darfst du loslegen.

00:58:50: Oh, ganz schön.

00:58:54: Wichtig.

00:58:56: Platz für deine Werbeanzeige.

00:58:58: Welcome to Werbung with Hannah.

00:59:07: Ich würde auf jeden Fall jedem ans Herz legen.

00:59:13: Einerseits der Jodz-CD und andererseits dem E-DAR-Magazin auf

00:59:19: Instagram, Twitter, E-DAR hat sogar TikTok zu folgen, weil es einfach

00:59:25: Einblicke gibt in junges jüdisches Leben, die vielleicht ein bisschen

00:59:30: unterschwelliger sind.

00:59:31: Man muss nicht direkt einen Buch lesen.

00:59:33: Also, man kriegt da einfach super viele Informationen.

00:59:35: Und dann, wenn man jüdische Personen trifft, erspart man der vielleicht

00:59:38: ein paar unangenehme Fragen, die sie sonst beantworten muss.

00:59:42: Also, unbedingt reinfolgen, um zu sehen, wie junge Jüdinnen

00:59:46: in Deutschland ihr Leben meistern und wie sie Politik machen.

00:59:51: Darüber hinaus, es gibt zwei Organisationen, die gerade essentiell sind für

00:59:56: jüdisches Leben in Deutschland, die wirklich sehr, sehr viele zu beitragen,

00:59:59: um jüdisches Leben in Deutschland zu stärken.

01:00:04: Auf unterschiedliche Art und Weise ist es einmal off-ag, die Bedartungsstelle

01:00:08: für Opferantisminscher Gewalt und Rias, die Recherche und Informationsstelle,

01:00:13: und Antisemitismus an beide Stellen.

01:00:16: Solltet ihr, falls ihr könnt, unbedingt spenden, weil die Arbeit einfach

01:00:21: wirklich unverzichtbar ist. Also, gerade was die Arbeit von off-ag mit Betroffenen

01:00:26: angeht und genauso die Arbeit von Rias, wenn es darum geht,

01:00:29: Antisemitismus einfach zu dokumentieren, das ist gerade extrem, extrem wichtig.

01:00:35: Und darüber hinaus kann ich euch auch eine

01:00:37: Leseempfehlung mitgeben.

01:00:39: Sicher sind wir nicht geblieben.

01:00:41: Wir sind auf der Sammelbahn von Lauter Kassess mit unterschiedlichen Texten von

01:00:45: unterschiedlichen Jüdinnen und Juden in diesem Land.

01:00:48: Super interessant und super wichtig, um zu verstehen, wie ambivalent

01:00:53: sich jüdisches Leben in Deutschland gestaltet.

01:00:56: Top Buch zum Einsteigen, würde ich sagen, für alle, die sich ein bisschen mehr damit

01:00:59: auseinandersetzen wollen, auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

01:01:03: Genau.

01:01:04: Ich schließe mich an mit einem Hinweis auf unsere Website,

01:01:09: www.minusmack.de.

01:01:10: Da gibt es ganz viele spannende Artikel und auch Porträts über andere

01:01:15: Aktivistinnen und Aktivisten und schaut auch mal auf unserem Instagram-Account vorbei.

01:01:19: Liebe Hannah, vielen, vielen Dank, dass du dir so viel Zeit für uns genommen hast

01:01:23: und die Fragen beantwortet hast.

01:01:26: Klar.

01:01:26: Alles Gute, viel Kraft für die für den letzten Monat in dem Amt.

01:01:30: Danke, danke.

01:01:31: Und dass du darüber hinaus ein bisschen Ruhe und Neuorientierung findest.

01:01:35: Dankeschön, danke.

01:01:36: Bis ganz bald.

01:01:38: Tschüssi.

01:01:39: Ciao.

01:01:40: Hey, bist du noch da?

01:01:47: Dann bis bald.

01:01:48: Du hörst ganz schön laut.

01:01:50: Den Veto-Podcast.

01:01:51: Alle zwei Wochen.

01:01:52: Überall, wo es Podcasts gibt.

01:01:56: Und bis dahin.

01:01:58: Folgt uns auf Instagram und auf YouTube.

01:02:01: Und dann kommt ein Video, wo wir uns über die Veto-Podcasts

01:02:04: über die Veto-Podcasts kommen.

01:02:06: Und bis dahin folgt uns auf Instagram und TikTok.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.